Das globale Wirtschaftsspiel

Asiens Krise bringt den ökonomischen Welthaushalt durcheinander.

Die Vereinigten Staaten, Europa und Asien sind zur Zeit wichtigsten Player in der sich immer enger vernetzenden Weltökonomie. Die globale Wirtschaft ist allerdings kein ruhiger Marktplatz, sondern ein sich ständig verändernder Schauplatz mit wechselhaften Winden und unterschiedlichsten Variablen, die in ihrem Zusammenspiel noch kaum verstanden sind. Der rasche Aufstieg der asiatischen Pazifikregion und ihr momentanes wirtschaftliches Stolpern ist nur ein Beispiel dafür. Wie sich die Kräfteverhältnisse weiter verändern werden, ist das Erkenntnisziel zahlreicher Staatenlenker, Unternehmensmanager und Trendforscher.

Die Tiger in der Falle

Südostasien galt lange als Musterbeispiel für wirtschaftliche Entwicklung. "Tigerstaaten" wie Südkorea, Malaysia, Singapur oder Thailand und Indonesien versetzten den Rest der Weltökonomie durch horrende wirtschaftliche Wachstumsraten von über 10 Prozent pro Jahr in Erstaunen bzw. Angst und Schrecken. Die ganze Region erzeugte zwischen 1990 und 1995 60 bis 65 Prozent der gesamten Wirtschaftsproduktion.

Es schien, als ob die Wunderökonomien den pazifischen Raum auf einen Schlag vom Entwicklungsgebiet zum blühenden High-Tech-Zentrum katapultieren könnten, die industrielle und informationstechnische Revolution quasi in einem gewaltigen Zug nachgeholt und weiter vorangetrieben würde. Singapur etwa ließ verlauten, bis zum Jahr 2000 den ersten völlig vernetzten Staat aufbauen zu wollen, und das benachbarte Malaysia (Malaysia Incorporated) träumt(e) von der Schaffung eines "Multimedia Super Corridors", einer Art Silicon Valley im subtropischen Dschungel. Dadurch sollten die infrastrukturellen Vorfahren aus den Vereinigten Staaten und Europa in Form von "Information Superhighways" oder "Datenautobahnen" schnell überholt werden.

Als Geheimnis hinter dem Superkapitalismus asiatischer Art entdeckten die blühenden Wirtschaftsländer die Formel der "asiatischen Werte". Bewußt wollte man damit ein Erfolgsrezept charakterisieren, daß sich dezidiert gegen die Freizügigkeiten, den Individualismus und Hedonismus der westlichen Märkte wandte und die Staatsgemeinschaft eher als eine große Familie denn als eine Zusammenballung von Einzelkämpfern erscheinen ließ. An der Spitze dieser Gemeinschaften findet man daher auch eher einen strengen und autokratischen "Vater" als einen demokratischen Regierungsführer; und wer sich nicht unterordnen will, hat in der Staatsfamilie keinen Platz. Diese Regel zieht sich hinunter bis in die untersten Wirtschaftssektoren und bis hin zu einzelnen Unternehmen.

Doch im Sommer 1997 brach eine ansteckende Krankheit in einer der jüngeren Erfolgsökonomien des Gebietes aus: Thailands Börse sackte um bis zu 14 Prozent ein und das Finanzsystem, sowie davon ausgehend fast alle Wirtschaftsbereiche, bekamen eine fürchterliche Grippe: Es stellte sich heraus, daß sich zahlreiche Unternehmen übernommen hatten, daß Banken mehr Geld verliehen hatten, als ihnen eigentlich zur Verfügung stand, und daß ausländische Investoren voller Optimismus auf gute Geschäfte zusätzlich weiteres Geld ins Land gebracht hatten, das Unternehmen leicht Schulden machen ließ.

Die aufgeblasene Wirtschaft mußte irgendwann platzen - und nach dem Rückzug der Investoren und Spekulanten ­ darunter so namhafte Größen wie George Soros ­ ein verschuldetes Finanzsystem zurücklassen, das nur noch durch eine Geldspritze des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor dem völligen Kreislaufkollaps bewahrt werden konnte. Teure Grundstücke harren seitdem genauso auf ihre Käufer wie die glitzernden BMWs und Mercedeslimousinen, die bis vor kurzem noch reißenden Absatz fanden. Wie soll man auch den Luxus noch finanzieren, wenn die eigene Währung innerhalb weniger Monate um mehr als 36 Prozent abgewertet wird und die Prognosen auf weiteres Wirtschaftswachstum ­ momentan werden weniger als 1 Prozent für das nächste Jahr erwartet ­ ständig nach unten korrigiert werden?

I am not arguing that the growth of east Asian countries is over. On the contrary, growth is likely to resume after the present adjustments. What is over is the so-called "Asian model" as a system of organisation which western countries should either fear, or attempt to emulate.

Samuel Brittan in der Financial Times vom 4. Dezember 1997

Doch Thailand war nur der Anfang. Die Grippe griff mit ähnlichen Symptomen auf den gesamten Wirtschaftsraum über, zunächst auf Indonesien, später auf Malaysia, die Philippinen und Ende November sogar auf Südkorea, das mit Firmen wie Hyundai und Samsung als besondere Erfolgsgeschichte galt, nun aber ein Schuldenloch in Höhe von über 100 Milliarden Dollar ausgemacht hat und auf einen Finanzausgleich in Höhe von 57 Milliarden Dollar vom IWF angewiesen ist. Damit übersteigt die Hilfszahlung für den einstigen Investorenliebling sogar die bisherige Rekordsumme in Höhe von 48 Milliarden Dollar, die die Finanzengel vor rund drei Jahren Mexiko gewährten.

Die Ressourcen und Möglichkeiten des sich hauptsächlich aus Gebühren der 181 Mitgliederstaaten finanzierenden Fonds dürften nach diesem erneuten Kraftakt allerdings bald erschöpft sein. Überdies regt sich in manchen der "Geberländern" bereits Unmut über die erneute großzügige "Spende" des IWF. Die Republikaner im US-Senat ­ Bill Clinton hatte zuvor einer Unterstützung des IWF für Südkorea in Höhe von 5 Milliarden Dollar zugestimmt ­ empörten sich zumindest unlängst über die ihrer Ansicht nach ungerechtfertigte Verschwendung von Steuergeldern, da Südkorea zu einem der Hauptkonkurrenten der amerikanischen Halbleiterindustrie zähle und die Auflagen des IWF für die Verwendung der Gelder nicht streng genug seien.

Während die Rolle des IWF als Regulierungsinstitution der weltweiten Finanzmärkte und als Auffangnetz für glücklose Investorenritter immer umstrittener ist, könnten bald durchaus auch andere asiatische Länder auf die Hilfe des IWF angewiesen sein: Japans Wirtschaft befindet sich seit Jahren in einer schleichenden Krise und hat mit dem Zusammenbruch seines viertgrößten Börsenhändlers Yamaichi ein weiteres Trauerspiel aufgeführt, bei dem viele Tränen flossen. Finanzexperten trauen dem japanischen Markt zwar zu, daß er selbst genug Kräfte zur Stabilisierung hat, allerdings hat die Regierung bisher durch Steuererhöhungen wenig zur Regelung der Binnennachfrage innerhalb des Landes getan.

China ist ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Bisher blieb es zwar noch von den Finanzturbulenzen verschont, da die Landeswährung Yuan bereits 1994 um etwa 33 Prozent gegenüber dem US-Dollar abgewertet worden war. Allerdings ist die Privatisierung der kolossalen Staatsunternehmen momentan in einer schwierigen Phase, die Arbeitslosigkeit bereits heute sehr groß und ein Wirtschaftswachstum ohne Exporte kaum möglich.

Von Schnellbooten und Flaggschiffen

Wie also wird sich der asiatische Markt in den nächsten Jahren entwickeln? Wird die gesamte Region nach einer kurzen Konsolidierungsphase weiterhin boomen, allen ihren Milliarden zählenden Bewohnern einen mittleren oder gar hohen Lebensstandard bieten und echte Demokratien hervorbringen, wie WIRED es in seinem Langzeitszenario über den Long Boom vorhergesehen hat? Und welchen Einfluß wird die asiatische Wirtschaft auf die globale Ökonomie, vor allem auf die nationalen Volkswirtschaften der USA und Europas haben? Wer wird Vorteile aus der momentanen Situation ziehen und kann man in einer globalen und vernetzten Ökonomie überhaupt noch von Gewinnern sprechen?

Fragen, die auch auf einer Konferenz des Wirtschaftsmagazins Business Week in San Francisco in den Vordergrund rückten, obwohl das Hauptthema der Versammlung eigentlich die "Digitale Ökonomie" war. Viele der Teilnehmer waren aus dem nahen Silicon Valley angereist waren, von wo aus sie gerade mit ihren Unternehmen den asiatischen Markt als Exportgebiet für High-Tech-Artikel "Made in USA" entdeckt hatten: der Routerhersteller Cisco etwa konnte Japan dank Wachstumraten über 200 Prozent bis vor kurzem noch als zugkräftigste Region für seine Netzwerklösungen ausweisen; die gesamte asiatische Region sorgte für 12 Prozent des gesamten Umsatzes.

Doch nun tendieren die Bilanzen dort plötzlich im freien Fall nach unten. Auch Oracle kämpft mit den Unbillen der asiatischen Krise: Zumindest schiebt das Unternehmen seine für Marktanalysten enttäuschenden Ergebnisse im zweiten Quartal 1997 ­ die Gewinne waren "nur" um 8 Millionen bei Umsatzsteigerungen von 23 Prozent auf 1,61 Milliarden geklettert ­ "auf die ökonomische Situation im asiatisch-pazifischen Raum". Den versammelten Unternehmern waren daher die Meinungen der Experten zur weiteren Entwicklung der überseeischen Pazifikgebiete und die Regeln der globalen Ökonomie wichtiger als der reine Plausch über die kommerziellen Einsatzmöglichkeiten und Produktivitätseffekte des Internet.

John Naisbitt machte die Zuhörer zunächst mit den im Rahmen der Globalisierung der Wirtschaft auftretenden Paradoxien vertraut.

Netzwerke technischer wie vor allem auch organisationstechnischer Natur werden seiner Meinung nach anstelle der großen Unternehmen, die er mit "Mainframe-Computern" vergleicht, die Zukunft bestimmen. Netzwerke in kultureller Hinsicht werden den Nationalstaat verdrängen, "Stämme" werden sich statt dessen bilden, so wie es das einstmalige Jugoslawien vorexerziert hat.

Das wirkliche Modell der Zukunft hätten laut Naisbitt allerdings die Chinesen für sich entdeckt, und zwar vor allem die Übersee-Chinesen, die sich gerade im Umfeld anderer Kulturen verstärkt zu Netzwerken zusammenschließen und dadurch in anderen asiatischen Ländern einen Löwenanteil an der Wirtschaftsproduktion innehaben. Auf den Philippinen etwa, so der Trendforscher, sorgt die chinesische Bevölkerung, die 17 Prozent an der Gesamtbevölkerung ausmacht, für 75 Prozent des Wirtschaftsumsatzes. Wichtig sei es in diesem Zusammenhang vor allem, an China nicht mehr in Form der eingeschliffenen Rhetorik aus den Zeiten vor dem Mauerfall zu denken: "Es gibt heute keinen Marxisten mehr in China, keinen einzigen", versuchte Naisbitt die Unternehmerschaft zu überzeugen. "Das Überwältigende ist, daß sich die Leute befreit fühlen, ist die generelle Öffnung gegenüber dem Westen." Demgegenüber sei die teilweise Verschließung gegenüber westlichen Sitten und das Verbot internationaler Medien nur eine zu vernachlässigende und vorübergehende Erscheinung.

Generell sieht Naisbitt auch in Zukunft ganz Asien als die dominierende Region, von der "die Regeln bestimmt werden". Optimistisch stimme ihn vor allem, daß alle asiatischen Volkswirtschaften weiterhin Wachstum zeigen. Die Neueinsteiger in die globale Ökonomie, wie etwa Malaysia oder Indonesien, hätten allerdings noch Strukturprobleme zu bewältigen, da bisher Einzelhandelsunternehmen 50 Prozent des Marktes ausmachten und nur 20 Prozent aller Firmen an der Börse notiert seien. Auch Japan stecke nach wie vor in grundlegenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, da die Regierung 73 Prozent des Marktes reguliere. Angesichts der wachsenden Probleme sei aber auch dort eine Ausrichtung auf den freien und sich selbst regulierenden Markt unverzichtbar.

The accelerated opening up in recent years of product and financial markets worldwide offers enormous benefits to all nations over the long run. However, it has also exposed more quickly and harshly the underlying rigidities of economic systems in wich governments ­ or governments working with large industrial groups ­ exercise substantial influence over resource allocation.

Alan Greenspan, Vorstand der amerikanischen Bundesbank

Alle Überlegungen zusammengenommen, braucht der Westen den Osten Naisbitt zufolge mehr als der Osten den Westen:

"In den USA und Europa passiert einfach nichts mehr Spannendes, während in Asien Milliarden Menschen ihren Lebensstandard erhöhen."

Der Prognose von Samuel Huntington in Beziehung auf einen "Zusammenstoß der Kulturen" will er sich ihm Rahmen dieses interkulturellen Generationswechsels allerdings nicht anschließen: "Die Gefahr eines Kampfes ist größer innerhalb einer Rasse als zwischen unterschiedlichen Rassen."

Beruhigen konnte Naisbitt seine Zuhörerschaft angesichts all der Lobeshymnen auf die gelbe Rasse aber auch bezüglich der Frage auf die Stellung der USA in der globalen Ökonomie: Trotz aller Langeweile seien die Vereinigten Staaten "in einer sehr guten Verfassung." Dank ihres "großen unternehmerischen Geistes", ihrer Ausrichtung auf die Zukunftstechnologien und ihrer freiheitsliebenden Gesinnung blieben die US das "Flaggschiff" der Weltwirtschaft und ein Vorbild für die nachziehenden Länder. "Freiheit ­ und nicht unbedingt vollkommene Gleichheit ­" sei auch die langfristige Option der asiatischen Regionen. Dabei würden zwar die Reichen immer reicher werden ­ die Armen allerdings auch.

So ergäben sich gerade für die amerikanischen Unternehmen aus der rundherum optimistischen Sicht Naisbitts heraus "größere Chancen als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit." Die Europäer könnten in dem weltweiten Wirtschaftsspiel allerdings ins Hintertreffen geraten, sind sie doch keine "Risikospieler", ohne Unternehmensgeist, und durch ihre veralteten Wohlfahrtssysteme an den Status quo gebunden.

Joker, Asse, Nieten und das Risiko

Weniger rosig sieht Peter Drucker die Zukunft der globalen Wirtschaft. Der über 80jährige Managementguru und Hochschullehrer macht zwar auch in den Entwicklungsländern die größte Dynamik und in China den, für sich allein genommen, "wichtigsten Faktor für die Weltwirtschaft" aus. China stellt seiner Ansicht nach allerdings mehr das Problemkind der Zukunft dar, statt einer reinen Erfolgsgeschichte: "Entweder wird China zu einer großen Wirtschaftsmacht ­ oder es wird in sich zusammenbrechen." Einen Mittelweg gebe es für das asiatische Riesenreich nicht.

Momentan halte er die Spaltung Chinas in eine reiche und wirtschaftlich erfolgreiche Küstenregion rund um Hong Kong und Schanghai und ein in Armut fallendes Inlandgebiet für die wahrscheinlichere Variante: "Schon heute haben die Küstengebiete mit Peking deutlich niedrigere Steuersätze ausgehandelt." Und in naher Zukunft würden sie überhaupt nicht mehr bereit sein, die hohe Arbeitslosigkeit im Binnenland mit zu subventionieren. Drucker rechnet daher mit einer neuen Revolution in den nächsten Jahrzehnten, da "China mit großer Regelmäßigkeit etwa alle 50 Jahre eine gewaltige Umwälzung mitmacht."

Größere Chancen auf Prosperität in Asien räumt Drucker dem indischen Subkontinent ein. Dort gebe es im Gegensatz zu China eine für die wirtschaftliche Entwicklung so wichtige Mittelschicht von rund 250 Millionen Menschen und ein funktionierendes Rechtssystem. Außerdem zeichne sich Indien durch eine große englischsprachige Bevölkerungsschicht aus, was den internationalen Handel erleichtere. Allerdings klaffe eine große Kluft zwischen dem Potential und der Realität: Insgesamt sei Indien nach wie vor ein sehr armes Land mit großen Lücken im Ausbildungsbereich und in der Infrastruktur. Für ein funktionierendes Telefonsystem könne man höchstens auf Satellitenübertragungen hoffen, da mit dem Aufbau eines dichtmaschigen Festnetzes in den nächsten 10 Jahren nicht zu rechnen sei.

For the last five years, we have been beneficiaries of a global economy. The next couple of years, we may suffer from it.

Dan Niles, Vorstandsmitglied der Beratungsgruppe BancAmerica Robertson Stephens

Bei allen Unterschieden zu Naisbitt konnte man allerdings auch Übereinstimmungen ausmachen, zumindest was die Einschätzung der Bedeutung der USA für die zukünftige Entwicklung betrifft:

"Die Vereinigten Staaten haben bisher weltweit noch immer für eine Balance gesorgt, so manchen Karren aus dem Dreck gezogen, und sind für ihre Prinzipien eingestanden."

Diese politische Überzeugung werde sich auch in Zukunft auszahlen. Ein Problem sei allerdings die drohende Unterbevölkerung: Noch kämen zwar auf jede fruchtbare Frau in den Staaten 2,4 Kinder ­ allerdings nur durch die hohen Geburtenraten der Einwanderer. Sonst würde sich die Rate bereits an die europäischen Entwicklungen angleichen, wo auf eine Frau nur noch 1 bis 1,4 Kinder kommen. "Ein nationaler Selbstmord", so Drucker, der das Verhältnis zwischen der arbeitenden und sich im Ruhestand befindenden Bevölkerung immer weiter vergrößert.

Die neue soziale Frage in Europa und nachfolgend in den USA und anderen entwickelten Ländern sei daher die zwischen Alt und Jung. Und falls die Gesetzgebung darauf nicht bald eine Antwort fände, könnten sich die Verhältnisse in der globalen Ökonomie sehr schnell zuungunsten dieser die Entwicklung über lange Zeiten hinweg bestimmenden Kulturen verändern. (Stefan Krempl)