Das alchemistische Porträt

Magie, Technologie und digitale Bilder

"If I have practiced alchemy, it was in the only way it can be done now, that is to say without knowing it." Marcel Duchamp

Alchemie ist die Kunst der Transformation. Es ist eine Kunst, die von ihren Anhängern als Wissenschaft missverstanden wurde, womit sie zur Obskurität verdammt war, als die Wissenschaft ihren Mystizismus abgeschüttelt hatte. Die Art von digitalen Porträts, die wir von Künstlern wie Mariko Mori, Pae White, Nancy Burson und Inez von Lammesverde sehen können, verdanken ihre Kraft Transformationen, die zugleich offensichtlich und obskur sind.

Veränderlichkeit ist das Handelskapital des elektronischen Porträts, und dessen proteische Gestaltsveränderungen passen zu unserem kollektivem zeitgenössichem Narzismus wie der Nagel auf den Kopf. Wir sind nicht weniger selbstverliebt als jemals zuvor, doch wir bevorzugen Spiegel, über die wir Kontrolle ausüben können. Reflexion genügt nicht, als ob sie das je getan hätte. Jedes Zeitalter sucht nach seinem eigenen perfekten Image. Unser Verlangen ist nicht auf ein einzelnes Ideal gerichtet, sondern eher auf die Wahlmöglichkeiten eines Konsumenten, auf einen Supermarkt von Perfektionen.

So wie wir in das posthumane Zeitalter voranschreiten - reichlich ausgestattet mit genetischen Veränderungen, Schönheitschirurgie-on-demand, psychotropischen Verhaltensmodifikationen und der weitergehenden Verschmelzung des Körperlichen, Mechanischen und Elektronischen - warum sollte unser Porträt damit nicht Schritt halten? Doch selbst wenn wir uns nicht ganz sicher sind, wie sich diese Bilder von der Realität unterscheiden, so rufen sie doch ein Zucken hervor ähnlich wie der Phantomschmerz eines fehlenden Körpergliedes. Ebenso wie die Photographie im 19.Jahrhundert ist die elektronische Bilderwelt nun ein konstanter Irritationsfaktor, eine Herausforderung der überbrachten Epistemologie . Es wird sicherlich noch einer weiteren Generation bedürfen, bevor wir diese Art digitaler Porträts als natürlich empfinden werden.

Ebenso interessant wie unsere Aufnahme dieser Bilder, sind unsere Einstellungen gegenüber den Prozessen ihrer Herstellung. Wenn Alchemie Kunst missverstanden als Wissenschaft war, dann ist vieles der heutigen elektronischen Bildwelten Wissenschaft, die sich als Kunst ausgibt. Die Technik (die bezüglich Kunst Anwendung findet) wird als Kunst selbst vermarktet. Software hat Namen wie Painter, Composer, Creator. Diese Namen sind nicht einfach nur Beschreibungen, sondern Versprechen: Kaufe diese Produkte und erlange damit die Fähigkeiten eines Künstlers.

Während die öffentliche Unterstützung für tatsächliche Künstler in den Vereinigten Staaten im Rückgang begriffen ist, sehen wir ein paradoxes Ansteigen des Wunsches, sich ihren Mantel umzuhängen. Das Potential des Computers, Spektakel zu schaffen, ebenso wie zu konsumieren, wird von vielen Leuten sehr ernst genommen. Dabei geben sie sich nicht zufrieden, ihre Anstrengungen nur als "kreativ" bezeichnet zu sehen. Wissenschaftler, die mit bildgebenden Systemen herummachen, Hobbyisten, die ihre Home-Videos auf nichtlinearen PC-Schnittsystemen zusammenschnipseln und diejenigen, die ihre Computer benutzen, um Mandelbrot-Gleichungen zu berechnen, Klangdateien zusammenzuwürfeln und Bilder miteinander zu vermorphen, sie alle streben nach der Veredelung des Künstlertums.

Es ist von Duchamp initiiertes Kunstschülerkauderwelsch, das die Definition von Kunst in diesem Jahrhundert zur Beliebigkeit hat ausarten lassen. In den fünfziger Jahren definierte der große amerikanische Schriftsteller Philip K.Dick Kunst als, "kreative Arbeit, welche auf die Erfüllung eines internen Standards ausgerichtet ist". Die Frage ist dann, was denn die internen Standards wären, wonach eine elektronische Hyperaktivität streben sollte? Solche Standards wären ganz sicher nicht die der Wissenschaft, denn es gibt absolut keinen Grund, warum Kunst nach Verifizierbarkeit streben sollte (was ja die Crux der wissenschaftlichen Methode ist). Stattdessen könnten die digitalen Künste, in einer Kreisbewegung, einen Blick zurück werfen und den oskuren Zugang der Alchemisten zum Bild wieder in Erinnerung rufen.

"Die Grosse Arbeit", als welche die Alchemisten ihre Tätigkeit bezeichneten, hatte eine reiche und mächtige visuelle Tradition. Alchemisten luden ihre komplexen Bilder mit Informationen auf - ihre Illsutrationen von Brennöfen und Drachen, Elixiren und Königen waren vom Duft der Erkenntnis erfüllt. Alchemie bemühte sich, wie ich bereits angemerkt habe, immer um multiple Transformationen: die extrinsischen (Blei in Gold verwandeln) und die intrinsischen (die Seele von ihren Adam-haften Unsauberkeiten befreien). Die Alchemisten tanzten zwischen der Gefahr des Wissens und dem Versprechen von Macht. Sie kodierten einen heiligen Gral der Transzendenz. So wie im Rosarium Philosophorum steht :

"Immer wenn wir offen gesprochen haben, haben wir eigentlich gar nichts gesagt. Aber wenn wir etwas in kodierter Form oder in Bildern niedergelegt haben, so haben wir die Wahrheit darin versteckt."

Künstler, die den Menschen innerhalb des Regimes des Digitalen porträtieren wollen, sollten nicht der Industrie in die Hände arbeiten, mit ihren unvermeidlichen Zyklen von Upgrades und technologischen Verbesserungen, in der Hoffnung einen immer subtiler nuancierten Realismus zu erzielen. Die internen Standards der elektronischen Kunst sollten stärker kodiert sein. Transzendenz, wenn sie überhaupt möglich ist, verlangt das Erlangen von geheimem Wissen und subtileren Freuden als der bloßen Wiedererkennung.

Peter Lunenfeld ist Begründer von mediawork und Leiter des Institute for Technology & Aesthetics (ITA). Er unterrichtet am Art Center College of Design und ist Herausgeber von The Digital Dialectic: New Essays on New Media, MIT Press (in Vorbereitung).

Eine frühere Version dieses Essays war Teil des Katalogs des Huntington Beach Art Center's The Unreal Person: Portraiture in the Digital Age(1998), zu einer Ausstellung unter dem gleichen Titel, kuratiert von Irit Krygier. (Peter Lunenfeld)