Darmflora beeinflusst das Gehirn

US-Wissenschaftler wollen nachgewiesen haben, dass regelmäßiger Verzehr von probiotischem Joghurt Hirnaktivitäten verändert, und ziehen weitreichende Schlüsse

Neurobiologen der University of California in Los Angeles haben festgestellt, dass sich nicht nur die Stimmung auf den Magen-Darm-Trakt niederschlägt, sondern dass Veränderungen in der verdauten Nahrung auch das Gehirn zu beeinflussen scheint.

Dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Magen-Darm-Trakt und dem Gehirn gibt, ist bekannt. So senden viele Nervenzellen des Darms Signale über den Vagusnerv an das limbische System, das mit Gefühlen zu tun hat, es gehen auch Nervenbahnen vom Gehirn zurück. Manche Forscher sprechen von einem Darmhirn, das dem Kopfgehirn neben Schmerzen, Hunger- oder Sättigungssignale u.a. auch Informationen über die Zusammensetzung der Darmflora mitteilt.

An der Studie der Neurobiologen, die in der Zeitschrift Gastroenterology erschienen ist, haben auch drei Wissenschaftler mitgewirkt, die bei Danone Research angestellt sind. Überdies hat Danone die Studie über die Wirkung von probiotischen Bakterien in Joghurt finanziert. Man muss also gegenüber dem Ergebnis, dass ein regelmäßiger Verzehr von probiotischen Joghurts , wie sie etwa Danone mit Actimel anbietet, bei gesunden Frauen zu positiven Gehirnveränderungen führen soll, eine gewisse Vorsicht hegen.

Die Wissenschaftler glauben, nun erstmals auch bei Menschen gezeigt zu haben, dass nicht nur das Gehirn Signale zum Darm sendet, die sich auf diesen auswirken, wenn man beispielsweise Angst hat oder unter Stress leidet, sondern dass der Darm auch umgekehrt Signale an das Gehirn sendet und dieses beeinflusst. Es handelt sich also um eine Zwei-Wege-Kommunikation.

Für die Studie wurde allerdings nur eine kleine Versuchsgruppe von 36 gesunden Frauen im Alter zwischen 18 und 55 Jahren untersucht. Sie wurden in drei Gruppen aufgeteilt: eine Gruppe aß vier Wochen lang zweimal am Tag einen Joghurt mit verschiedenen probiotischen Bakterien (Bifidobacterium animalis subsp Lactis, Streptococcus thermophiles, Lactobacillus bulgaricus und Lactococcus lactis), eine andere denselben Joghurt ohne Bakterien und die dritte nahm keinen Joghurt zu sich. Vor und nach den vier Wochen wurden fMRI-Gehirnscans gemacht, einmal jeweils im Ruhezustand und einmal bei einem Test, bei dem Emotionen von Menschen auf Fotos erkannt werden sollten, um festzustellen, wie die für Emotion und Kognition zuständigen Gehirnareale auf visuelle Reize reagieren. Versuche mit Säugetieren hatten gezeigt, dass Veränderungen der Darmflora zu Veränderungen des emotionalen Verhaltens führen.

Nach den vier Wochen konnte bei den Frauen, die probiotischen Joghurt zu sich genommen hatten, während des Emotionstests eine Abnahme der neuronalen Aktivität in der Insula, wo innere Körperwahrnehmungen verarbeitet werden, und dem somatosensorischen Kortex beobachten lassen. Zudem war bei dieser Aufgabe eine deutliche Abnahme der Aktivität eines verteilten funktionellen Netzwerks von Arealen festzustellen, die Emotionen, Kognition und sensorische Wahrnehmungen verarbeiten. Bei den Frauen der Kontrollgruppen blieb die Aktivität oder war sie stärker geworden.

Im ruhenden Zustand war bei den Frauen, die probiotische Joghurts gegessen haben, hingegen eine stärkere Verbindung zwischen einer Region im Hirnstamm und mit kognitiver Verarbeitung zusammenhängenden Bereichen des präfrontalen Kortex zu sehen. Bei den Frauen, die keinen Joghurt gegessen haben, war eine Verbindung zwischen der Hirnstamm-Region und mit Emotionen und Wahrnehmungen verbundenen Arealen zu erkennen, die Frauen, die nur Joghurt aßen, lagen zwischen diesen beiden Gruppen.

Wenn den die Ergebnisse überhaupt reproduzierbar sein sollten, so zeigen sie zwar, dass es nicht nur, wie bislang angenommen, eine direkte Verbindung zwischen dem Darm und dem limbischen System gibt, sondern dass die Veränderung der Darmflora durch den Joghurt zu Veränderungen in zahlreichen Arealen, auch solchen, die sensorische Reize verarbeiten, führt. Möglicherweise kann man also durch eine Umstellung der Ernährung direkt Teile des Gehirns beeinflussen, aber welche emotionalen, sensorischen oder kognitiven Auswirkungen etwa der Verzehr von probiotischem Joghurt hat, geht aus der Studie nicht hervor.

Emeran Mayer, Professor für Medizin und Psychiatrie und führender Autor der Studie, regt weitere Untersuchungen darüber an, wie man durch Ernährungsveränderungen psychische oder neurologische Störungen verhindern und heilen könnte. Es mache auch einen Unterschied, ob Menschen sich eher von Fett und Kohlehydraten oder faserreich ernähren. Das verändere nicht nur die Darmflora, sondern wirke auch auf das Gehirn. Möglicherweise könne man so auch Schmerzen oder Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer manipulieren. Die Wissenschaftler bringen sicherheitshalber mal alles Denkbare ins Spiel, um Aufmerksamkeit und vielleicht Forschungsgelder zu finden. Es könne umgekehrt auch sein, dass die Einnahme von Antibiotika, die die normale Darmflora schwer beeinträchtigen, bei Kindern etwa auch langfristige Folgen für die Gehirnentwicklung haben könnten. (Florian Rötzer)