DIHK-Umfrage: Hohe Energiepreise treiben Industrie ins Ausland

Vielleicht sollten sich Joe Biden und Olaf Scholz noch einmal über US-Staatssubventionen und den Inflation Reduction Act (IRA) unterhalten? Bild vom Treffen im Sommer 2022, Schloss Elmau: Office of the President of the United States/Gemeinfrei.

Viele deutsche Unternehmen wollen verstärkt in den USA investieren. Ein Grund ist: Dort ist Energie billiger zu haben als in Europa.

Deutschland ist einmal als Wirtschaftsstandort attraktiv gewesen; doch viele Unternehmen sind bereit, ihre Koffer zu packen und ihre Produktion zunehmend in die USA zu verlagern. Eine aktuelle Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) ergab: Als Investitionsziel sind die USA von allen Ländern der Welt am attraktivsten.

Befragt wurden 3.100 deutsche Unternehmen, die im Ausland tätig sind. Rund 62 Prozent der befragten Unternehmen bewerteten die aktuelle Geschäftslage in Nordamerika positiv. Knapp 39 Prozent von ihnen gab an, in den nächsten Monaten höhere Investitionen in den USA tätigen zu wollen. Lediglich 17 Prozent wollen sie verringern.

In der Eurozone will dagegen nur etwa ein Drittel der Unternehmen investieren. Mehr als die Hälfte gab an, hier mit einem wirtschaftlichen Abschwung zu rechnen.

Auch die deutsch-amerikanischen Handelskammern berichten, dass der US-amerikanische Markt für deutsche Unternehmen attraktiver werde. Besonders dort, wo die Automobilindustrie oder ihre Zulieferer vorhanden sind, werden Investitionen angekündigt.

Die niedrigen Energiepreise sind ein bedeutender Faktor; aber auch die Steuervorteile, welche die US-Regierung mit dem Inflation Reduction Act gewährt, steigern die Attraktivität. Die USA sind die Gewinner in dem Krieg in der Ukraine.

Das deutete zumindest Matthias Hoffmann, Leiter der deutsch-amerikanischen Handelskammer in Atlanta an. Am Donnerstag sagte er laut Bloomberg bei einem Vortrag in Berlin: "Für die Unternehmen in den USA ist der Ukraine-Krieg weit weg und die wirtschaftlichen Auswirkungen daher viel weniger spürbar."

Als SPD-Chef Lars Klingbeil im Interview mit Die Welt sagte, die Gefahr einer De-Industrialisierung in Deutschland sei real, hatte er offensichtlich die deutlichen Signale aus der deutschen Wirtschaft wahrgenommen. "Die Lieferketten sind stellenweise gebrochen, wir haben Fachkräftemangel und hohe Energiepreise", sagte er.

Mit moralisierendem Impetus monierte Klingbeil, dass die USA ihre eigenen Interessen verfolgen. "Die Schlagworte in den USA lauten'‚Buy American' und 'Made in America'", klagte er. Die USA würden nicht unterscheiden, ob sie Jobs aus China oder aus Europa in ihr Land holten. "Das geht so nicht."

Wirtschaftsverband: Hohe Gaspreise lassen Industrieproduktion in Europa schrumpfen

Billige Energie aus Russland war über viele Jahre ein entscheidender Faktor, auf dem die wirtschaftliche Stärke Deutschlands und Europas fußte. Mit dem Wirtschaftskrieg gegen Russland und mit der Sprengung der Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 ist das Geschichte. Das Kapital wandert dorthin, wo es günstigere Verwertungsbedingungen findet.

Betroffen ist nicht nur die Industrie in Deutschland, sondern in etlichen anderen EU-Staaten auch. Die EU verweist gern auf ihren Erfolg, den Gasverbrauch gesenkt zu haben. EU-Kommissar Frans Timmermans sagte im September lobend: Dies "senkt die Energierechnungen, beendet Wladimir Putins Fähigkeit, seine Energieressourcen als Waffe zu nutzen, reduziert die Emissionen und trägt dazu bei, den Energiemarkt wieder ins Gleichgewicht zu bringen".

Die Financial Times zeigte kürzlich, dass man in der Wirtschaft anders darüber denkt. Die Zeitung zitierte Frederik Persson, den Präsidenten des europäischen Wirtschaftsverbandes BusinessEurope. Dieser sagte, ein Großteil des Rückgangs beim Gasverbrauch sei darauf zurückzuführen, dass Unternehmen ihre Produktion drosseln oder sogar schließen.

Er verwies auf Italien, wo der Gasverbrauch im Oktober um 24 Prozent zurückging. "Wenn wir aber mit unseren italienischen Freunden sprechen, sagen sie: 'Nein, das liegt daran, dass die Leute ihre Produktion zurückfahren'", so Persson.

In anderen Ländern war der Rückgang noch größer. In Portugal lag er bei 48 Prozent und in Rumänien bei 78 Prozent. Die portugiesische Keramikindustrie, die Gas zum Befeuern ihrer Brennöfen benötigt, hat darunter gelitten, so Persson.

Die EU-Unternehmen stünden vor einem "ernsthaften Verlust an Wettbewerbsfähigkeit", betonte Persson. Der Grund dafür seien die Großhandelspreise für Gas, die in Europa fünf bis sieben Mal höher seien als in Asien und den USA.

Es sei noch Zeit, die Energiepreise in den Griff zu bekommen. Doch woher kurzfristig preiswertes Gas kommen soll, sagte er nicht. (Bernd Müller)

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