Computerspiele erobern Gebrauchselektronik

Spielhallenklassiker wie »Tron« feiern ihr Comeback in Telefonen. Werden wir demnächst auf unserer Waschmaschine »Space Invaders« spielen können?

Wenn wir alte Spielhallenklassiker am Handy oder Palmtop spielen können, dann sei das genau so schön wie Goethe in der Taschenbuchausgabe, meint Andreas Lange, Leiter des Computerspielemuseums Berlin und Autor des folgenden Artikels. Doch die Retro-Avantgarde der Spiele kann auch von handfester wirtschaftlicher Bedeutung in der allernächsten Gegenwart sein.

Panutat Tejasen lebt in Chiang Mai, einer hübschen kleinen Stadt im nördlichen Thailand, und die Welt hätte wahrscheinlich nie von ihm erfahren, wenn er nicht der Programmierer des ersten 3-D-Shooters für Minicomputer - den sog. Palmtops auf Windows CE Basis wäre. Eroberte vor vier Jahren »Doom« die Festplatten der PC's, so sind es heute Spiele wie »Warrior« (so hat er sein Spiel genannt), die unseren kleinsten elektronischen Begleiter zu Unterhaltungsmaschinchen machen, seien es Taschencomputer oder Mobiltelefone. Auf die Frage, warum er denn gerade für diese Geräte, die es laut seiner eigenen Aussage kaum in Thailand zu kaufen gibt, zu programmieren begonnen hat, antwortete er, daß es eine gute Möglichkeit gerade für kleine Unternehmen ist, Marktsegmente zu erobern.

Und tatsächlich können wir gerade eine Parallele zu einer Zeit feststellen, als es vor ungefähr 15 Jahren ebenfalls möglich war, mehr oder weniger im Alleingang, Programme zu schreiben, die die Welt erobern sollten. Gemeint sind die Computerspiele der frühen 80er Jahre, von denen nicht wenige den Köpfen und Commodores gerade der Pupertät entwachsener Freaks entsprungen sind. Das war zu einer Zeit möglich, in der die heutigen Graphik- und Soundstandards reine Utopie waren und damit die Produktionsbudgets noch weit unter den heute üblichen Beträgen lagen. Und genau eine solche Situation haben wir im Bereich der Minicomputer heute wieder. Doch werfen wir kurz einen Blick auf den großen Zusammenhang.

Die Digitalisierung hat unseren Alltag voll erfaßt. Längst hat die Computertechnik ihr angestammtes Zuhause des Desktops verlassen und sich in einem Maße ausgebreitet, daß kaum mehr ein Alltagsgegenstand sicher vor ihr scheint. Die Vision des komplett in sich und mit der Welt vernetzten Haushaltes hat in Form des neuen Eigenheims von Microsoftchef Bill Gates eine der ersten Materialisierungen erfahren. Doch was noch vor kurzem eher wie ein utopisches Projekt wirkte, ist gerade dabei Wirklichkeit zu werden. Von verschiedenen Seiten wird an gemeinsamen Schnittstellen und Standards gebastelt. Koalitionen werden geschmiedet und wieder aufgelöst. Technisch scheint die Sache schon längst machbar, marktpolitisch gibt es aber noch eine Menge Dinge zu klären.

Ein interessanter und nicht unwichtiger Aspekt dabei sind die Computerspiele. Wie wir aus der Vergangenheit gelernt haben, waren maßgeblich sie es, die für die Verbreitung der Heimcomputer verantwortlich waren, und auch in Zukunft werden sie ihren Teil dazu beitragen, den Siegeszug der Mikroelektronik zu unterstützen. Sind es doch die Computerspiele, die der Computertechnik insgesamt erst eine menschliche Komponente geben. Ihre Spielmuster thematisieren mehr oder weniger symbolisch unsere Wünsche, Ängste und Phantasien. Erst durch den spielerischen Umgang mit der Computertechnik hatte der Ottonormalverbraucher die Chance, sich diese zu erschließen.

Das wissen natürlich auch die um Markanteile ringenden Firmen und so legen sie großen Wert auf die spielerischen Fähigkeiten ihrer Produkte. So leistet sich z.B. Nokia eine eigene kleine Entwicklungsabteilung, die dafür verantwortlich ist, Spiele für das firmeneigene Betriebssystem zu programmieren. Seit kurzem kann man mit den neusten Mobiltelefone neben einer Memoryvariante auch die Auferstehung des alten Spielhallenklassikers »Tron« erleben. Dieses heißt bei Nokia »Snake« und ist in dem Profimodell 6110 sogar über Infrarotverbindung im Zweispielermodus zu betreiben. Wie wichtig das Thema Spiele genommen wird, kann man auch daran sehen, daß »Snake« eine eigene Homepage spendiert bekommen hat, über die Spieler sich u.a. in eine Highscorliste eintragen können. Es ist dies ein erster Vorgeschmack der Entwicklungsmöglichkeiten, die die Verbindung Mobiltelefon, Internet und Computerspiele noch für uns bereit hält....

Doch nicht nur in Telefonen tauchen die alten Hits von gestern wieder auf. Neben den immer beliebter werdenden Minicomputern können sie prinzipiell in jedes digital funktionierende Gerät integriert werden. Seit einiger Zeit versucht Microsoft sein Betriebsystem Windows CE, das speziell für Minicomputer und andere Gebrauchsgegenstände konzipiert ist, als einheitlichen Standard zu etablieren. Auch hier gibt es deutliche Zeichen dafür, daß die Spielekompatibilität sehr ernst genommen wird. So ist z.B. die neuste CE Version 2.1. mit Soundblasterkarten kompatibel - Nachtigall ick hör dir trapsen:

In einem Exclusiv-Deal mit dem Videospielehersteller Sega wurde vereinbart, daß Windows CE - wenn auch in einer speziellen Version - das Betriebssystem der neuen Dreamcast Konsole sein wird, die Ende '99 in Europa erscheinen soll. Das Ziel, das Microsoft dabei verfolgt, scheint klar: Windows soll sich nicht nur im Bereich der Computer als das Standardbetriebssystem für Unterhaltungssoftware etablieren, sondern ebenso im Bereich der Videospiele, Minicomputer und - wenn man will - auch Waschmaschinen und Toaster.

Als Treppenwitz der Geschichte könnte man es nun bezeichnen, daß dieser Prozeß des Übergreifens der Computerspiele auf die alltäglichen Gebrauchsgegenstände mit genau den selben Spielen passiert, die damals die Spielhallen erobert haben. Offensichtlich haben sie nach wie vor nichts von ihren damaligen Reizen verloren. Doch gibt es natürlich auch ganz handfeste Gründe dafür: Wie die heutigen Minirechner waren auch die damaligen Computer äußerst limitiert in ihren Speicher- und Graphikkapazitäten. Trotzdem machen die Games Spaß, da sie den Schwerpunkt auf ein gutes Gameplay gelegt haben, anstatt auf opulente Graphik und satten Sound - eine Prioriotätensetzung die auch heute noch so manchem Programm gut bekommen würde.

Die Firma, die sich am längsten dagegen gewehrt hat, Graphik auf Kosten der Spielbarkeit in ihre Spiele zu implementieren, war die legendäre amerikanische Firma Infocom, eine der ersten überhaupt. Bis in die zweite Hälfte der 80'er Jahre hinein programmierten sie ausschließlich auf Text basierende Abenteuerspiele. Diese sind in ihrer Komplexität, Orginalität und ihrem literarischen Niveau bis heute unerreicht. Denn keine Spielwelt kann so detailliert sein wie die, die in unserer eigenen Fantasie entsteht. Na, Sie ahnen es schon: Richtig, auch die gibt es mittlerweile für den Westentaschencomputer. Und so möchte ich den Artikel mit einem heißen Tip beschließen: Auf der Homepage von WinCElair findet man neben diversen Spielen für alle Minirechner, die mit CE laufen, auch einen Emulator (FrotzCE vers. 1.0 für CE 2.0 von Ian Dean und Stefan Jokisch), mit dem man prinzipiell sämtliche alten Infocom Games auf seinem Palmtop betreiben kann. Infocom in der Westentasche, genauso schön wie Goethe als Taschenbuchausgabe. (Andreas Lange)