Computer-Krisen-Berater

Ein neues Betätigungsfeld für Psychologen

Bekanntlich sind Psychologen vielseitig verwendbar. Und man findet sie fast überall. Dass jetzt aber eine Vertreterin dieses Berufszweiges einen Job in der Computerbranche gefunden hat, ist ungewöhnlich. Vor allem weil Kelly Chessin nicht für Einstellungsgespräche oder Mitarbeiterschulung zuständig ist, sondern an der vordersten Kundenfront arbeitet: Bei einer Hotline, die von Leuten in Anspruch genommen wird, deren Computer-Festplatte sich ins technische Nirwana verabschiedet hat.

Wenn die Festplatte durchknallt und damit der Verlust aller Daten droht, dann knallen halt viele PC-Besitzer ebenfalls durch. Das weiß jeder, der bei Freunden und Bekannten den Ruf hat, ein Computerexperte zu sein. Und den man dann natürlich auch noch mitten in der Nacht höchst verzweifelt anrufen darf, weil der PC angeblich gerade mal wieder spinnt. Wie hysterisch Computer-Besitzer in Krisen bisweilen reagieren, hat Chessin jetzt dem "San Francisco Chronicle" verraten verraten. Die Leute, sagt sie, seien völlig außer sich, sie weinten, schrieen und bräuchten einfach nur eins: ganz viel Trost.

Genau den liefert sie nun also bei der auf Datenrettung spezialisierten Firma DriveSavers in San Francisco, und sie ist nach Meinung des "San Francisco Chronicle" vermutlich sogar die erste Psychologin in den USA, die hauptberuflich als Computer-Krisen-Beraterin arbeitet. Dabei versucht sie, die Leute am Telefon zu beruhigen, um sie anschließend an die zuständigen Techniker weiterzureichen. Da sie aber auch manchmal die Rolle eines Sandsacks spielt, auf den wütende Kunden rhetorisch bös eindreschen, muss sie zwischen den Anrufen oft selbst erst einmal Dampf ablassen.

Doch zum Glück kann die Psychologin bei diesem aufreibenden Job auf Erfahrungen zurückgreifen, die sie einige Jahre bei einer Anti-Selbstmord-Hotline gesammelt hat. Die Methoden, die sie jetzt anwendet, um ihre Kunden zu beruhigen, sind nach ihren Angaben nahezu dieselben geblieben. Dennoch gibt es Unterschiede. Bei Menschen mit Computerproblemen benötigt Chessin nämlich Gespräche in einer Länge von 10 bis 15 Minuten, bei potentiellen Selbstmördern dagegen meist die doppelte Zeit. Und Festplattengeschädigte rufen oft hinterher noch einmal bei ihr an, um sich zu bedanken. Das hat Chessin bei Suizidgefährdeten noch nie erlebt. Warum, darüber wollen wir an dieser Stelle lieber nicht spekulieren. (Ernst Corinth)