Cold War-Zombie im Imperium der symbolischen Kontrolle

Trotz allem: James Bond wird älter und bleibt der Alte

Ein Repräsentant des merry old england. Ohne Schirm und Melone, aber manierlich und gebildet, stets korrekt, wenn auch etwas langweilig gekleidet, stets bereit, fürs Vaterland sein Leben zu riskieren, erfüllt vom Sportsgeist einer Zeit, in der es selbst in Krieg und Todesgefahr angeblich noch irgendwie um fairplay ging... Ein älterer Herr eben, ein Anachronismus, der unser Mitleid verlangen dürfte, müssten wir ihn ernst nehmen. Er inspirierte Denker wie Umberto Eco - der ihn "eine gelungene Montage des dejá vu" nennt - und Politiker - wie Kanzler Schröder, der die gleichen Anzüge trägt, oder John F. Kennedy, zu dessen Lieblingslektüre der Roman "Liebesgrüße aus Moskau" gehört haben soll - auf seine Art tatsächlich eine Ikone des 20.Jahrhunderts.

Snob als Massenware

Bond ist ein Chauvi, ein Imperialist - und eine wunderbare Comic-Figur. Wer ihn ganz ernst nimmt, hat schon von vornherein verloren, denn er hängt einem Anachronismus an. Schon in den ersten Filmen etablierte sich um den Geheimagenten Ihrer Majestät ein bestimmter Doublespeak, eine Mehrdeutigkeit, die entschlüsselt werden will. Eco hat das ganz gut getroffen, als er in der Bond-Figur "gleichzeitig Spiel und Beschwörung" erkennt, das letzte Aufleben eines viktorianischen Gentleman-Ideals und das ironische Spiel mit ihm, das Wissen um dessen Zerstörung. Wenn die Frauen ihm dutzendweise ins Bett fallen, wenn er aus jeder noch so idiotisch ausweglosen Situation mit sauberem Anzug und nassforschem Spruch herauskommt, dann ist dies offensichtlich die Parodie eines Männerideals, das bereits in den 60er Jahren nur noch als Pose überleben konnte.

In James Bond wurde der klassische Snob zur Massenware. Denn nur Hänschen Müller will heute vielleicht tatsächlich so sein, wie dieses Ekelpaket: Einer dieser Typen, die stets alles besser wissen, die glauben, der gute Anzug garantiere die Zugehörigkeit zur Oberklasse, obwohl heute doch nur noch Bodyguards und BDI-Präsidenten Smoking tragen.

Parodiert wurde hier auch das Agentengenre, die Hysterie zur Zeit vom Kaltem Krieg. Wobei es schon überraschte, dass eine derart lässige Handhabe der ernsten Sache ausgerechnet in dem Jahr Erfolg haben konnte, als Ulbricht die Mauer bauen ließ. Denn übersehen wir nicht Bonds Anarchismus: Wenn er schnell noch eine Schöne flachlegt, bevor er seinen Auftrag erledigt, dann zeigt er uns auch, dass die Rettung der Welt ein ganz so wichtige Sache nicht sein kann, dass auch Männer etwas anderes haben, als ihre Arbeit, dass selbst Frauen, die Pussy, Baby oder Bunny heißen, interessanter sein können, als ein Lob vom Chef und als die Rettung der Welt sowieso.

Aber so richtig mit sich im Reinen war James Bond in den letzten Jahren selten. Immer dominierte viel spürbare Unsicherheit darüber, ob die Figur überhaupt noch zeitgemäß sei, ob es sich hier nicht um den Cold War-Zombie schlechthin handle, der gemeinsam mit Ronald Reagan und so manch anderem auf die Mülldeponie der Geschichte gehöre. Pierce Brosnan konnte derartige Gedanken nur zum Teil widerlegen. Zwar legte er in seinen besten Momenten - die ihm die phantasielosen Dialoge des Drehbuchs leider nicht all zu oft gönnen - einen geradezu Connery-haften sardonischen Charme an den Tag. Andererseits waren die Brosnan-Filme zwar besser als die letzten mit Roger Moore und beide mit Timothy Dalton, doch längst nicht so gut, wie frühere Bond-Folgen.

Legionär des Kapitalismus

Schon immer lebte James Bond eine zweideutige Existenz: Einerseits ist er ein Held vergangener Zeiten, ein schimmernder Legionär des Kapitalismus, der zunächst die alte Smoking tragende Gesellschaft gegen die neureichen Invasoren aus der dritten Welt verteidigt, und später dann im Dienste Margret Thatchers die Welt der kleinbürgerlichen, aber zu Geld gekommenen Yuppies gegen Russen und andere Diener aus dem Reich des Bösen.

Doch andererseits kämpfte Bond auch ziemlich oft gegen wild gewordene Kapitalisten, gegen das entfesselte Weltmachtstreben von Superreichen, die vor keiner -moralischen und politischen- Grenze mehr halt machen. James Bond war immer ein Agent der neuen und alten, jedenfalls westlich-europäisch geprägten Weltordnung, aber er war nie ein Anwalt der Globalisierung. In "Tomorrow never dies" zum Beispiel riss Bond einem sehr zeitgemäßen Kapitalistentypus die Maske vom Gesicht, und enthüllte dabei das wahre Antlitz postmoderner Weltmacht: Die Medien-Fürsten. Der British Secret Service wurde hier fast schon zur Kraft des moralisch Guten, er verteidigte Großbritannien und mit ihm ganz Europa vor der Kolonisierung durch seine eigenen ehemaligen Kolonialbürger, durch Medienimperien, die Amerikanern und Australiern gehören.

Bemerkenswerterweise fand dies 1997 ausgerechnet im Bündnis mit der Volksrepublik China statt, im Jahr der Übergabe der Kronkolonie Hongkong an die Herrscher von Peking, und diese Versöhnung von demokratischem Kapitalismus mit den diktatorischen Mördern vom Tian-Nan-Men-Platz war auch ein Kotau im Dienste der Weltwirtschaft.

Majority Report

Verstehen lässt sich diese Zusammenarbeit, die in kurzen Andeutungen auch jetzt in "Die Another Day" fortgesetzt wird, aber auch als Bündnis der alten Kulturen gegen den reinen Kapitalismus, eine Verständigung über Grenzen hinweg, die im Augenblick der Gefahr funktioniert. Doch dieser Appell an eine wirklich neue, nicht US-geprägte "New World Order" ist diesmal wieder eindeutig gegenüber der "Special-Relation"-Achse zwischen London und Washington suspendiert. Es gibt keine echten Distanzierungen gegenüber den Amerikanern, nur ein paar müde Spitzen der Dialoge. Und die Bösen sind wieder richtige Böse, keine banale Russenmafia, schon gar keine inneren Feinde, denn Systemkritik, die über "Minority Report"-Niveau hinausreicht, scheint nicht möglich im Kino der Gegenwart. Sondern Nordkoreaner, viel anderes bliebe nicht neben moslemischen Terroristen.

Eher schon zeigt "Die Another Day" versteckte grundsätzlichere Selbstzweifel: Denn immer wieder macht der Film das zum Thema, was er wohl für westliche Dekadenz hält: Korruption, Kompetenzgerangel, vor allem aber die Antiquiertheit der Szenerie. In der grandiosen Fechtszene zwischen Bond und dem Oberschurken, wahrscheinlich der beste Moment des Films, geht die zivilisierte, nach strengen Regeln ausgefochtene Mensur mehr und mehr in ein wüstes Gehacke auf Leben und Tod über, bei dem nebenbei noch die gesamte viktorianische Einrichtung zerdeppert wird - aus Fairbanks wird Gladiator und irgendwann kommen die beiden Kontrahenten ganz am Boden an, und erzählen damit gleich die ganze Geschichte dieses Films. Und kurz darauf muss Bond in den Underground, nur versteckt, erzählt das, kann er noch sein, was er ist.

Schon zuvor sah man Bond, wie man ihn noch nie gesehen hatte: Mit Zottelhaaren, dreckig und vernarbt, sozusagen wieder auf den Naturzustand zurückgeführt, ein edler Wilder der sich selbst wieder zivilisieren muss. Als reine Action würde das alles, nicht übermäßig gut, aber immerhin auf "Connair"- und "The Rock"-Niveau, funktionieren. Dass es diesmal nicht wirklich hinhaut, liegt daran, dass James-Bond-Filme nie nur einfach ganz normale Action-Filme waren. Sie waren, auch lange nach Sean Connerys Abschied, etwas ganz Spezielles, ein eigenes Genre mit einer einmaligen Mischung aus Action und Unterhaltung, Ironie und Ernst. Keine Komödie, aber auch kein Thriller, nicht wirklich tiefsinnig, aber alles andere als ein 08/15-Machwerk.

Doch in allen James Bond-Filmen seit Roger Moores Abschied gab es auch eine Atmosphäre von Hektik und Unruhe. Als ob man dem Zuschauer ja keine Zeit geben wollte, sich zurückzulehnen, und zu bemerken, dass es die gute alte vertraute James Bond Welt nicht mehr gibt. So haben diese Filme ein Element von selbst-reflexivem Spektakel, das seine eigene Leere mit Lautstärke übertönt.

Das Imperium der symbolischen Kontrolle

Viel mehr ist auch Regisseur Lee Tamahori (der mit "Once Were Warriors" und "Mullholland Falls" schon originellere Filme gemacht hat, nicht eingefallen). Wie bei McDonalds deren Geheimnis darin liegt, dass es überall gleich schmeckt, lautet auch hier das Erfolgsrezept: Alles beim Alten lassen! Klar ein bisschen mehr muss Bond schon leiden, aber solche Verletzlichkeit macht den Helden nur stärker, klar fällt die Feststellung: "Sie sind nutzlos geworden" (Selbstironie?) wird aber obligatorisch verneint.

Und letztlich kreist auch dieser 20.Bond wieder um die Idee des Imperiums, das britische und das der westlichen Welt, also auch des Kapitalismus. Wieder einmal erhält Bond symbolisch jene Kontrolle aufrecht, die einst die britische Weltmacht als Kolonialmacht, für die die Sonne nie unterging, errichtet hatte. Mit dem Besuch auch dieses James Bond Films tauchen wir in eine Welt ein, in der die Zeichen Gut und Böse so klar verteilt sind wie nur noch in wenigen neueren Filmen. Kino-Tugenden aus einer anderen, aristokratischen, vergangenen Zeit. Eigentlich antiquiert, aber auf weniger charmante Weise, als etwa die "Mission Impossible"-Filme und nur in den besten Momenten sich ihrer eigenen Hinfälligkeit bewusst. (Rüdiger Suchsland)