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China: Auch beim Wasserstoff die Nase vorn

Shanghai bei Nacht. Bild: Li Yang / Unsplash Licence

Energie und Klima – kompakt: In Deutschland wird an überkommenen Technologien festgehalten. Verbrenner-Autos und Braunkohle sind aber nicht die Zukunft. Wie man in Fernost auf industriellen Wandel setzt.

Wir hatten gestern bereits berichtet [1], dass China bei der Installation neuer Windkraft- und Solaranlagen ganz vorn liegt. Gleiches trifft auch bei der Herstellung zu.

Folgt man einem Bericht [2] im Magazin PV-Tech, dann stellte China im vergangenen Jahr weltweit 90 Prozent des Grundstoffs Polysilizium her, aus dem die Halbleiter der meisten Solarzellen hergestellt werden. Bei den Wafern, die in Solarzellen verarbeitet werden, lag der Anteil sogar bei 99 Prozent und bei den fertigen Solaranlagen je nach Typ zwischen 85 und 91 Prozent.

Nach einer Marktübersicht [3] der Beratungsfirma Clean Energy Associates gab es im dritten Quartal 2022 weltweit Produktionskapazitäten für Solaranlagen mit einer Gesamtleistung von knapp 400 GW. Davon entfielen auf chinesische Hersteller in der Volksrepublik und Taiwan 340 GW. Zugleich wurde erwartet, dass die dortigen Kapazitäten bis Ende dieses Jahres auf knapp 500 GW weiter steigen.

Erhebliche längerfristige Ausbaupläne gebe es allerdings auch in Indien, den USA und in Europa. Das passt zur Beobachtung [4] der Internationale Energieagentur in Paris, wonach Fotovoltaik, das heißt Solarenergie-Technik, inzwischen in den meisten Weltregionen die günstigste Option ist, wenn es darum geht, neue Erzeugungskapazitäten für Strom ans Netz zu bringen.

Hierzulande war Anfang des vergangenen Jahrzehnts die zuvor weltweit führende Produktion eingebrochen. Offenbar hatte man sich einerseits wohl meist etwas zu sehr auf seinem Vorsprung ausgeruht. Andererseits sorgten jedoch auch viel zu schnelle Einschnitte bei den gesetzlich garantierten Strom-Abnahmepreisen, die Besitzern von Neuanlagen angeboten werden, für einen heftigen Schock, von dem sich viele Hersteller nicht mehr erholten.

Dennoch gibt es auch in Deutschland noch ein paar wenige Hersteller [5] und mit Meyer Burger [6] sogar einen, der zuletzt deutlich expandiert ist. Der überwiegende Teil der Wertschöpfung fällt bei schlüsselfertigen Solaranlagen allerdings aufgrund der inzwischen wesentlich effizienteren Produktion ohnehin bei den Zusatzkomponenten und vor allem im installierenden Handwerk, also vor Ort, an.

Aber zurück zu China. Wir hatten bereits vor einigen Wochen darüber geschrieben [7], dass die Volksrepublik nach Einschätzung der australischen Denkfabrik Australian Strategic Policy Institute auf den allermeisten Feldern moderner industrieller Entwicklung weltweit ganz vorn liegt. Das betrifft offenbar auch die Wasserstofftechnologie und deren Entwicklung, die für den Umbau der Energieversorgung inzwischen als wichtiger Baustein angesehen wird.

Warum USA und EU zurückbleiben

Darüber hinaus ist Wasserstoff ein wichtiger Rohstoff der Chemieindustrie, der derzeit noch zumeist aus Erdgas gewonnen wird, was mit erheblichen CO2-Emissionen verbunden ist. Sowohl in den USA [8] als auch in der Europäischen Union [9] gibt es inzwischen sogenannte Wasserstoffstrategien für die Einführung der notwendigen Technologien.

Im Wesentlichen bestehen diese darin, das leicht flüchtige und reaktionsfreudige Gas möglichst effizient in sogenannten Elektrolyseuren unter dem Einsatz von Strom aus Wasser zu gewinnen und es dann zu speichern und zu verteilen.

Die US-amerikanische Zeitung The Hill berichtet [10], dass China auch auf diesem Gebiet die Nase vorn habe. Die dort hergestellten Elektrolyseure würden nur ein Drittel vergleichbarer Anlagen in Europa oder den USA kosten.

China hätte außerdem die für die Anlagen benötigten Rohstoffe. Zum Beispiel würden 68 Prozent des weltweit zur Verfügung stehenden Nickel in der Volksrepublik raffiniert. Schließlich sei China auch auf dem Gebiet der entsprechenden Forschung und Entwicklung führend und hätte den größten dafür benötigten Fachkräfte-Pool.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg, auf die sich The Hill bei den Angaben über die Elektrolyseur-Kosten beruft, benennt die Gründe [11], weshalb China die Anlagen günstiger produzieren könne. Neben den Lohnkosten seien die Lieferketten kürzer, günstiger und besser entwickelt.

Außerdem habe die Industrie einen gewissen Vorsprung. Schon bevor der jüngste Hype eingesetzt habe, Wasserstoff mit Wind- oder Solarstrom produzieren zu wollen, habe es in China einen gewissen Bedarf in der Industrie gegeben. Unter anderem benötige die Herstellung von Polysilizium das Gas.

Trotz der Transportkosten sei daher davon auszugehen, dass sich chinesische Anlagen auch in Europa und den USA einen Marktanteil von etwa 30 Prozent erobern würden. Sollten Washington oder Brüssel versuchen, die chinesischen Einfuhren zu beschränken, könne damit gerechnet werden, dass die Hersteller Teile ihrer Produktion nach Südostasien verlagern, wie es bereits bei den Solaranlagen geschehen sei.

Man könnte natürlich auch das günstigere Angebot nutzen, um den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft maximal zu beschleunigen. Die galoppierende Klimakrise [12] ließe das allemal ratsam erscheinen. Die hiesige Entwicklung und Herstellung muss ohnehin kräftig subventioniert werden; das kann auch weiter geschehen, wenn man in China einkauft. Doch rund um den Nordatlantik ist man derzeit eher in Konfrontationslaune. Da wird der Klimaschutz wohl warten müssen.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-8582065

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.telepolis.de/features/China-Auf-der-solaren-Ueberholspur-8515600.html
[2] https://www.pv-tech.org/pv-industry-production-hits-310gw-of-modules-in-2022-what-about-2023/
[3] https://info.cea3.com/hubfs/SMIP%20Reports/PV%20SMIP%20Reports/CEA%20PV%20SMIP%202022%20Q3%20Executive%20Summary.pdf
[4] https://www.iea.org/reports/solar-pv
[5] https://echtsolar.de/deutsche-solarmodule-hersteller/
[6] https://www.meyerburger.com/de/
[7] https://www.telepolis.de/features/China-Vorsprung-bei-Technik-und-Talent-7536708.html
[8] https://www.hydrogen.energy.gov/
[9] https://energy.ec.europa.eu/topics/energy-systems-integration/hydrogen/key-actions-eu-hydrogen-strategy_en
[10] https://thehill.com/opinion/energy-environment/3929423-will-chinas-green-energy-push-threaten-the-wests-hydrogen-plans/
[11] https://www.bloomberg.com/news/articles/2022-09-21/china-leading-race-to-make-technology-vital-for-green-hydrogen?leadSource=uverify%20wall
[12] https://www.telepolis.de/features/Hurra-wir-lassen-die-Ozeanzirkulation-kollabieren-8459888.html