Charlotte/USA: Ausnahmezustand nach tödlichem Polizeieinsatz

Das Opfer ist wieder ein Afro-Amerikaner. Proteste werden von Plünderungen und Gewalt begleitet

Das Waffengeschäft Hyatt Guns in Charlotte, North Carolina, rühmt sich, dass es der größte gun shop in den USA ist. Die Nachfrage ist derzeit enorm. Kunden stehen am Morgen schon Schlange, bevor der erste Angestellte eintrifft. Der Marketing-Direktor erklärt dem Washington Examiner, dass Selbstverteidigungswaffen und Munition gerade besonders gut gehen. Das Geschäft sei lebhaft.

"Die Leute haben Angst. Sie sehen den Wahnsinn auf den Straßen, verübt von Kriminellen und sie legen sich Ausrüstung zu, um sich zu schützen". Auf Twitter fordert Hyatt Guns zum Beten für Charlotte auf.

Am vergangenen Dienstag gab es eine Szene, die die meisten Europäer vermutlich nur aus Filmen kennen. Ein Mann steigt, aufgefordert von der Polizei, aus einem parkenden Auto und lässt einen Gegenstand trotz Zurufe nicht fallen, die Polizei reagiert sofort. "Innerhalb von Sekunden wurde Scott erschossen. Die Behörden sagen aus, dass von Scott eine unmittelbare Bedrohung von Gefahr ausging", berichtet die Lokalzeitung (Kleine Rente, früher Tod).

"Imminent threat of danger"

Imminent threat of danger heißt der Ausdruck im Original. Ob der Mann seine Waffe erhoben hatte, sei nicht eindeutig klar, so der Polizeichef der Stadt und des Countys, Kerr Putney. Aber das Gesamtbild, die Gesten, das aggressive Verhalten und andere Faktoren könnten als unmittelbare Bedrohung interpretiert werden. Der tödliche Schuss soll aus der Nähe abgefeuert worden sein, wie viel Schüsse es genau waren, ist bislang nicht bekannt. Und vieles andere auch nicht.

Die Tochter des Erschossenen behauptet, dass ihr Vater gar keine Waffe in der Hand hatte, sondern ein Buch. Sie hatte nach dem tragischen Tod ihres Vaters ein Smartphone-Video mit dieser Behauptung auf Facebook gepostet und riesige Aufmerksamkeit bekommen.

Zwei Fakten sind dafür verantwortlich, der Erschossene war ein Schwarzer und er war gar nicht der Gesuchte, dem die Polizei auf der Spur war. Es handelt sich um eine zufällige Begegnung in einem Land mit einem unglaublichen Waffengesetz, wo Leute frühmorgens anstehen, um sich Waffen zu kaufen, wie andernorts Brötchen oder Semmeln (USA: Immer mehr Schusswaffen, aber weniger Besitzer).

Das Polizeiprotokoll

Aus dem Polizeiprotokoll, das auszugsweise veröffentlicht wird, geht hervor, dass der Mann, der in einem parkenden Wagen saß, das Auto mit einer Handfeuerwaffe verlassen habe (Anm.: An dieser Stelle stand zuvor eine irrtümliche Übersetzung).

Officers observed a subject, Mr. Keith Lamont Scott, inside a vehicle in the apartment complex. The subject exited the vehicle armed with a handgun.

Fakten aus der Untersuchung der Polizeiermittlung, CMPD Charlotte

Danach gaben die Polizisten laut Faktenprotokoll laute, klare Anweisungen an den Mann, die Waffe fallen zu lassen. Scott reagierte nicht. Er stieg wieder ins Auto. Die Polizisten forderten ihn nochmals auf, die Waffe fallen zu lassen:

In spite of these verbal commands, Mr. Scott exited the vehicle still armed with the handgun as officers continued to tell him to drop his weapon.

CMPD Charlotte

Darauf folgt der trockene Polizei-Protokoll-Satz, wonach "das Subjekt eine unmittelbare Gefahr für den Polizisten darstellte", der auf den Mann feuerte.

The subject posed an imminent deadly threat to the officers and Officer Brentley Vinson subsequently fired his weapon striking the subject.

CMPD Charlotte

Das Vorstrafenregister, dargelegt von der Lokalzeitung, weist Scott als jemanden aus, der schon zwei Mal verurteilt wurde war, weil er andere Menschen mit Waffen angegriffen hatte; angeklagt war er öfter, Waffen waren immer irgendwie dabei.

Proteste und Ausschreitungen

Der Vorfall auf dem Parkplatz, bei dem einiges im Unklaren bleibt, zog Folgen nach sich, die das ganze Land beschäftigen. Am Dienstagabend nach dem tödlichen Schuss - oder den tödlichen Schüssen, auch das ist unklar - setzten Proteste ein.

Sie schaukelten sich hoch, mit den üblichen Abspaltungen in ein friedliches Lager und versprengten kleinen Meuten, Gruppen oder Einzelnen: Am zweiten Abend, am Mittwoch, berichteten die großen US-Medien von Plünderungen, Scheiben von Banken - die Stadt Charlotte ist ein Finanzzentrum -, die eingeworfen wurden, von Gewaltakten, bei denen ein Mann zunächst für tot gehalten, lebensgefährlich verletzt wurde und viele andere, darunter auch Polizisten, leichtere Verletztungen davon trugen. Feuer wurden gelegt, Fahrzeuge zerstört etc.. Es kam zum Einsatz von Tränengas seitens der Polizei, die wie immer in der Anti-Riot-Unform aussieht wie eine Armee.

Ausschnitt aus einem Youtube-Video

Am Donnerstag verhängte Gouverneur Pat McCrory den Ausnahmezustand in der Stadt, die Polizeikräfte der National Guard und der State Highway Patrol troopers wurden zur Verstärkung geschickt.

Auf Twitter gibt es ungefähr2.000 neue Meldungen pro Stunde für "Charlotte". Dort werden friedliche Proteste mit Bildern gespickt, Plünderungen, das Scheibeneinschlagen, Irrläufer, aber auch einzelne Kämpfe zwischen Schwarzen und Weißen oder Weißen und Schwarzen, ungerecht, fies, voller Wut.

Das Video

Die Wut eines größeren Teils des Protests kulminierte in der Forderung, dass die Polizei ein Video veröffentlichen sollte, das den Hergang des Geschehens zeigt. Man forderte Klarheit darüber, ob der Mann bewaffnet war. Die Geschichte seiner Tochter, wonach Scott nur ein Buch in der Hand hatte, wie erwähnt, große Kreise gezogen. Die Polizei in Charlotte ist mit Dash-Cams und Bodycams ausgerüstet. Normalerweise.

Aber anscheinend nicht immer. Im vorliegenden Fall gab es dazu Berichte, wonach der Schütze keine Bodykamera trug. Zudem wurde auf ein Gesetz in North-Carolina verwiesen, das einer Veröffentlichung Hindernisse in den Weg legt.

Schließlich rangen sich die Behörden dazu durch, der Familie ein Video vorzuführen. Der Polizeichef erklärte dazu, dass darin nicht definitiv ersichtlich sei, ob der Mann eine Waffe gegen die Polizisten gerichtet habe. Aber man habe ja die Waffe am Ort des Geschehens gefunden - und zudem lasse der ganze Kontext darauf schließen, dass eine unmittelbare Bedrohung durch Gefahr bestanden habe, dass der tödliche Schuss also gerechtfertigt war. Mittlerweile ist das SBI eingeschaltet, um die Ermittlungen voranzutreiben.

Drogen nicht Waffen?

Politisch ist der Fall mit den Eigentümlichkeiten - der Polizist, der angeblich geschossen hatte, ist ein Afro-Amerikaner, der Polizeichef auch - nicht einfach auszubeuten. Trump, der sich wie auch Clinton dazu äußerte, griff sich den Drogenmissbrauch als das Skandalon heraus. "Drogen sind ein sehr sehr großer Faktor", wird Trump zu den Protesten wiedergegeben.

Gegen die Interessen der Waffenlobby wird er nichts sagen. (Thomas Pany)