Britische Lehrer hadern mit dem Verbot der körperlichen Bestrafung

Die Kinder würden immer undisziplinierter, eine mit Schlägen vergleichbare Sanktion gebe es nicht

In Großbritannien herrscht schon seit Jahren eine Angst vor respektlosen und wilden Jugend, die durch die Unruhen im Sommer des letzten Jahres noch einmal bestärkt wurden. Um den jungen Menschen Respekt und Gehorsam beizubringen, wurden die ASBOs (antisozialen Verhaltensanordnungen) entwickelt und ausgebaut, mit denen sich angebliches Fehlverhalten von Kindern und Jugendlichen ahnden lässt. Als wirksam haben sie sich jedoch nicht erwiesen.

Es wurde auch immer wieder einmal diskutiert, welche Strafen in den Schulen gegenüber renitenten Schülern eingesetzt werden sollen und dürfen. Der Verbot der körperlichen Züchtigung, das in Großbritannien 1987 in Kraft trat, stand dabei immer wieder einmal zur Debatte. 2007 wurden so neue Richtlinien erlassen, nach denen Lehrer "maßvolle Gewalt" anwenden dürfen, wenn das Verhalten der Schüler für sie oder andere eine Gefahr darstellt.

Die Regierungskoalition aus Konservativen und Liberaldemokraten wollte zwar ursprünglich die ASBOs weitgehend abschaffen, da aber kamen die Unruhen und der Ruf nach Ordnung, Sicherheit und harten Strafen dazwischen. Schon kurz vor den Unruhen wurden im Sommer 2011 neue Richtlinien zur Verbesserung der Disziplin erlassen, in denen es hieß, es sei "nicht immer zu vermeiden, dass Schüler verletzt werden", auch wenn dies angestrebt werden müsste. Es handelte sich nicht um die Wiedereinführung des Schlagens, aber doch um die Möglichkeit der Anwendung von körperlichem Zwang, beispielsweise durch Festhalten ("Es ist nicht immer zu vermeiden, dass Schüler verletzt werden".

Auf der diesjährigen Jahresversammlung des britischen Lehrerverbands (ATL) wurde erneut der Ruf nach schärferen Maßnahmen laut. Ein Drittel der britischen Lehrer sei letztes Jahr körperlichen Angriffen durch Schüler ausgesetzt gewesen, auch wenn schlechtes Verhalten in aller Regel durch "low-level disruption" wie Schwätzen, Unaufmerksamkeit, Spielen mit dem Handy, mangelnder Respekt etc. verursacht werde.

Kinder seien heute "verwöhnte kleine Buddhas" geworden, mokiert sich die Generalsekretärin Mary Bousted. Die Eltern würden ihnen keine Grenzen mehr setzen und sie von vorne bis hinten verwöhnen. Die Kinder würden deswegen auch erwarten, dass die Lehrer ihnen dienen.

Seit der Abschaffung der Körperstrafe vor 25 Jahren habe sich das Verhalten der Kinder drastisch verschlechtert. Die Regierungen seien nicht imstande gewesen, neue effektive Maßnahmen einzuführen, um für Disziplin zu sorgen. Sperrt man die Schüler ein, so schrecke das diese nicht ab, während man nur Kinder von der Schule nur in den schlimmsten Fällen ausschließe, da bei häufigeren Ausschlüssen die Schule untersucht würde. "Die gegenwärtig für Lehrer vorhandenen Disziplinierungsmittel zum Umgang mit störendem Verhalten sind völlig unangemessen", beschwerte sich ein Lehrer auf der Konferenz.

Noch bleibt die Forderung nach Wiedereinführung von körperlicher Bestrafung ein Tabu, indirekt wird sie aber bislang einziges Mittel zur "Abschreckung für störendes Verhalten" gepriesen, wenn es heißt, dass bislang kein einziges Sanktionsmittel mit der Effizienz von Körperstrafen eingeführt wurde. Regelmäßig führt das Thema der körperlichen Bestrafung als Erziehungsmaßnahme der Eltern auch hierzulande zu großen Diskussionen, wie man das kürzlich im Forum zu diesem Telepolis-Artikel beobachten konnte: "So-hab-ich-das-nicht-gemeint"-Schläge). (Florian Rötzer)