Borschtsch gegen Wurst

Der Sieg der österreichischen bärtigen Dragqueen Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest hallt in Osteuropa ungut nach

In Polen ist man einerseits sauer, da man sich mit den Auftritten der drallen Folkloregirls von Donatan und Cleo, zuvor bereits ein Youtube-Hit den ersten Preis erhofft hatte. Der Rapper Donatan, der zu Beginn des Clips warnt, ihn nicht anzusehen, sollte man Ironie nicht verstehen sowie unter Humorlosigkeit leiden, warnte vor dem Wochenende ebenfalls ein wenig humorlos sowie "wertekonservativ" vor der Wahl der österreichischen Kandidatin:

Wenn unsere gesunden Mädchen auftreten, wirft man uns Sexismus vor. Aber wenn ein Weib mit Bart auftritt, ist alles ok. Europa, alles ok? Slawische Mädchen gegen Wurst. Europa, Du hast die Wahl.

Donatan

Damit nahm er den Rechten in Polen das Stichwort zur Europawahl vorweg. Jaroslaw Kaczynski, Expremier, dessen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) in den Umfragen zur Europawahl führt, sieht Europa in einer Phase der Dekadenz. Mit Wurst wäre "Europa auf dem Weg in die Vernichtung". Seine Partei werde jedoch Europa von seinem falschen Weg abbringen.

Sein Pressesprecher Adam Hofman meint in den Augen der Bärtigen die des Premiers Donald Tusk zu sehen, will sagen, dass der Premier und Parteichef der konservativ-liberalen Bürgerplattform (PO) auch Polen in den Abgrund führen will.

Auch in der beliebtesten Talkshow des Landes "Tomasz Lis Life" ging es um die Wurst und ein lesbisches Pärchen. Und um die Frage wie offen das Land an der Weichsel denn ist.

Die Frage und der Ärger der Rechten hat eine etwas längere Tradition - seit 2011 ist mit Anna Grodzka in Polen eine Transsexuelle in den Sejm gewählt worden. Sie ist Mitglied der Partei "Deine Bewegung", die ganz gezielt das traditionelle klerikale Polen herausfordert.

In der Ukraine sind es die Separatisten im Osten, die die Bärtige als "Schreckgespenst Europa" bezeichnen. Wladimir Schirionwski, das Enfant Terrible der russischen Politik, Liebling der Talkshows und Sprachrohr für Sprüche, die den Offiziellen des Kremls zu gewagt sind, tobte frohlockend durch eine Gesprächsrunde des Staatsenders Rossija 1: "Nun ist Europa am Ende." Er bekam Gelächter und Applaus. Es gebe dort bald kein "sie" und "er" mehr, nur noch "es".

Doch auch Russland soll nicht verschont werden, denn Wurst hat bereits angekündigt, das Land zu besuchen. Darum hat Witali W. Milonow, ein tonangebender Politiker der Putin-Partei "Einiges Russland", den russischen Kulturminister Wladimir Medina gebeten, der Dragqueen die Einreise zu verbieten, um Russland vor verderblichen Einflüssen zu schützen. Vize-Premier Dmitri Rogosin warnte auf Twitter "Anhänger der europäischen Integration". Sie würden in Zukunft in Europa "bärtige Mädchen" erwarten müssen.

Ein wenig subtiler geht es in Litauen zu. Dort zog der Fernsehjournalist Ignas Krupavičius bei der Übertragung eine Rasierklinge mit dem Angebot an Wurst, sich des Bartes zu entledigen. Nun wird er von der litauischen Schwulenvertretung aufgefordert, sich zu entschuldigen. (Jens Mattern)