Böller-Debatte: Prioritäten der Freiheit

Frust muss auch heute nicht heißen, dass man kein Geld mehr zum Verbrennen hat. Foto: meineresterampe auf Pixabay (Public Domain)

Etliche Deutsche finden es unverzichtbar, in der Silvesternacht betrunken mit Feuerwerkskörpern um sich zu werfen. In Frankreich ist die private Böllerei in den meisten Kommunen verboten. Dafür sind dort politische Streiks erlaubt.

Bereits Anfang dieser Woche gab es in Chemnitz einen Verletzten, weil irgendein Böller-Chaot vor lauter Vorfreude auf das Ende dieses Horrorjahres Pyrotechnik aus dem vierten Stock eines Mehrfamilienhauses auf den Gehweg warf. "Frrreiheit!" – Das gilt als Hauptargument gegen Böllerverbote. Dicht gefolgt von "Eigenverantwortung". Oder auch "Vernunft statt Verbote".

Vernunft 2022 in Deutschland? Wenn es so etwas wie einen "Nationalcharakter" gibt, ist er vielleicht am ehesten daran zu erkennen, welche Verbote in einem Land durchsetzbar und weitgehend akzeptiert sind – und welche nicht.

Prioritäten der Freiheit in Deutschland und Frankreich

Deutsche zum Beispiel lassen sich politische Streiks verbieten und halten sich daran. Ein Großteil denkt hier nicht einmal darüber nach – obwohl es eine wachsende Unzufriedenheit über politische Entscheidungen gibt.

Einige finden aber Böllerverbote, wie es sie in den Corona-Jahren 2020 und 2021 ausnahmsweise gab, um die Kliniken zu entlasten, extrem freiheitsfeindlich. Sie wollen es dieses Jahr spätestens am 31. Dezember wieder so richtig krachen lassen, wenn sie es nicht schon seit mehreren Tagen tun.

Nicht nur zum Ärger von Umwelt- und Tierschutzorganisationen, sondern auch zu Lasten von Klinikpersonal, denn vor allem die Handchirurgen und Augenkliniken werden wieder eine turbulente Woche haben. Auch Unbeteiligte werden zum Teil schwer verletzt. Aber das sind in Deutschland eben die Kollateralschäden dieser speziellen Freiheit.

In Frankreich dagegen ist die Böllerei in den meisten Kommunen verboten, während politische Streiks und Generalstreiks erlaubt sind. Dieses Recht würden sich die Menschen in Frankreich auch nicht ohne weiteres nehmen lassen. Es wird regelmäßig davon Gebrauch gemacht.

Die einen schätzen eben das effektivste Mittel des friedlichen Widerstands, das die lohnabhängige Klasse besitzt. Die anderen schätzen ihr Recht, betrunken mit Feuerwerkskörpern um sich zu werfen, um – ja, was eigentlich? Die Hoffnung auf ein besseres neues Jahr auszudrücken? Wollen sie böse Geister vertreiben oder einfach "Spaß haben"?

Finden sie Kriegsgeräusche geil oder hassen sie Tiere? Erschrecken sie gerne Menschen, die aus Kriegsgebieten geflüchtet sind, oder auch 85-jährige Deutsche, die als Kinder in den Luftschutzkellern saßen und jetzt langsam ihr Kurzzeitgedächtnis verlieren, während alte Erinnerungen immer präsenter werden?

Sicher können nicht immer gleich böse Absichten unterstellt werden. Aber wenn ausgerechnet im Zusammenhang mit Böllern und Autofahren ohne Tempolimit von Freiheit gesprochen wird, dann ist das eben ein ziemlich antisozialer Freiheitsbegriff, der das Recht meint, andere zu gefährden.

Letzteres wird natürlich bestritten, da grundsätzlich jeder Auto- und Böllerfan denkt, das werde in seinem Fall schon gut gehen, weil er schließlich ein cooler Typ sei.

Die Unfallstatistik und Berichte aus Notaufnahmen in Silvesternächten vor Corona sprechen nur leider eine andere Sprache. Mehr als 800 Augenverletzungen durch Pyrotechnik wurden da teilweise bundesweit gezählt. Nicht alle Betroffenen dürften die Pyrotechnik selbst gezündet haben. Soviel zur Verwechslung von Freiheit mit dem imaginären Recht auf fahrlässige Körperverletzung.

Es ist auch kein Zufall, dass es oft dieselben "Freiheitsfreunde" sind, die vom Staat sofort ein hartes Durchgreifen fordern, wenn Autofahrer von Umweltbewegten genervt und aufgehalten werden.

So vertritt zum Beispiel der Springer-Verlag in Bild und Welt eine stringente Law-and-Order-Linie, was den zivilen Ungehorsam der "Letzten Generation" betrifft – die Beteiligten werden dort oft und gerne "Klima-Chaoten" genannt. Besteht aber die "Gefahr", dass sich punktuell auch mal Umweltorganisationen durchsetzen und die Gesetzgebung deren Forderungen aufnimmt, dann warnen Auto- und Böllerfans wie Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt vor "Umerziehung".

Mehrheitsverhältnisse laut Umfragen

Der Begriff "Nationalcharakter" trifft es nur bedingt, denn Böllerfans sind hier nicht die Mehrheit, sondern nur eine große und im wahrsten Sinn des Wortes laute Minderheit. Je nach Umfrage lehnen 24 bis 39 Prozent ein Verbot von privatem Feuerwerk ab. Einige sind unentschlossen, mehr als 50 Prozent der zuletzt Befragten sind dafür, laut einer Civey-Umfrage waren es im November sogar 71 Prozent.

Das Traurige ist nur: Es scheinen sich mehr Deutsche für das Recht auf Böllern mit oder ohne bedenklichen Alkoholpegel (in der Silvesternacht eher mit) einzusetzen, als es Deutsche gibt, denen die Bedeutung des Rechts auf politische Streiks klar ist.

Auch die Spitzen der mitgliederstarken Gewerkschaften akzeptieren bisher die Illegalisierung politischer Streiks, die auf die Rechtsauffassung ehemaliger Nazi-Juristen in den 1950er-Jahren zurückgeht. Vielleicht ist das Böllern in Deutschland ja auch eine Art unbewusste Ersatzhandlung für echtes Rebellentum.

Die Menschen in Frankreich müssen übrigens nicht auf den schönen Anblick von buntem Feuerwerk am Himmel verzichten. Es wird in der Silvesternacht auf geeigneten Plätzen von Profis gezündet. (Claudia Wangerin)