Bleibt skeptisch!

Die Nukleartechnologie um jeden Preis schönreden

Statt irgendwelche Wunderwirkungen in der armen Welt zu ermöglichen, wird die Gentechnik viel eher die groteske landwirtschaftliche Überproduktion in den entwickelten Ländern fördern, ohne dass davon etwas für die wirklich Armen abfällt. Was die Technologie als solche angeht, wünscht man den blauäugig Begeisterten ein wenig von der Reflektionsfähigkeit von manchen Wissenschaftlern aus dem Gebiet der Humangenetik, wie zum Beispiel Jennifer Doudna.

Richtig unschön wird es, wenn unskeptische Skeptiker die Nukleartechnologie um jeden Preis schönreden möchten. In dem Zusammenhang hört man ein Geschwafel, wie es nun wirklich direkt aus der Presseabteilung von Nuklearkonzernen bekannt ist; so zum Beispiel die Behauptung, Tschernobyl sei lediglich für eine leicht gestiegene Rate von "gut behandelbarem Schilddrüsenkrebs" verantwortlich gewesen.

Angesichts zum Beispiel der unglaublichen Anstrengungen, die eine Drittweltökonomie wie Kuba unternommen hat, um Tschernobyl-Opfer zu behandeln, wirken solche Aussagen wie blanker Zynismus. Sie stehen aber in Einklang mit einer langen Tradition bei den Technokraten unter den Skeptikern, die gesellschaftlichen Kontexte auszublenden, in denen die Anwendung von Technik stattfindet. "Eigentlich" ist die Nukleartechnik zur großindustriellen Energieerzeugung gut handhabbar (genau wie Schilddrüsenkrebs), uneigentlich wird es problematisch, wenn die Ressourcen nicht da sind, die Folgen von Unfall und Abfall zu beherrschen.

Weniger verständlich als diese bestimmte Form der Betriebsblindheit ist die Tendenz von angeblich wissenschaftlich orientierten Menschen zur Leugnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, wenn sie ihrem eigenen Wunschdenken widersprechen. Selbstverständlich sind auch hier wieder Interpretationsspielräume gegeben, und hier wie überall bestimmen divergierende Interessen divergierende Erkenntnisse mit.

Aber Studien wie die des Münchener Helmholtz Zentrums zu strahleninduzierten genetischen Langzeiteffekten nach Tschernobyl einfach vom Tisch zu wischen oder die generell starken Hinweise darauf, dass langanhaltende, niedrig dosierte Strahlung das Krebsrisiko erhöht ist einer Haltung, die vorgibt, Fakten vorurteilsfrei zu wägen, nicht würdig.

Man kann ja gern bis zum Ende aller Tage darüber diskutieren, ob die Todesfälle durch Evakuierungsmaßnahmen in Fukushima noch von den kumulierten radiologischen Effekten des Reaktorunglücks eingeholt werden, wenn man sich irgendwie fähig fühlt, alle zukünftigen radiologischen Effekte des Reaktorunglücks zu überschauen.

Aber selbst dieser quasigöttliche Überblick würde nichts daran ändern, dass radioaktive Strahlung spezifische Wirkungen auf die menschliche Gesundheit hat, und dass es daher vernunftwidrig ist, anzunehmen, dass die unkontrollierte, massenhafte Freisetzung von radioaktiver Strahlung keine gesundheitlichen Folgen habe - ob die nun jederzeit offensichtlich sind oder gnädigerweise im statistischen Rauschen untergehen, vor allem, wenn man nicht genau hinschaut.

Mit einem Wort: Man wünscht den allzu technologiebegeisterten Skeptikern, die sich neuerdings wieder vor unkritischer Begeisterung kaum lassen können, ein wenig mehr Skepsis. (Marcus Hammerschmitt)