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Aus dem Westen nichts Neues: Inwiefern die Wahl der neuen RBB-Intendantin Probleme nicht löst

Dunkle Wolken über dem RBB. Kann Katrin Vernau für besseres Klima sorgen? Bild: Manfred Brückels, CC BY-SA 3.0

West-Managerin mit politischen Kontakten an der Spitze der Sendeanstalt. Wahl zementiert strukturelle Fehlentwicklungen. Wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk reformiert werden kann.

Beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) scheint sich in wesentlicher Hinsicht nicht viel zu ändern: War die bisherige Krise – neben dem mutmaßlichen Fehlverhalten wichtiger Spitzenleute – vor allem eine, die sich als Problematik struktureller Kopplungen beschreiben lässt, scheint dieses Thema fortgeschrieben zu werden – sogar auf erweiterter Stufenleiter.

Um nicht missverstanden zu werden: Die öffentlich-rechtlichen Medien sind eine wichtige demokratische Errungenschaft – allerdings eine mit viel Luft nach oben. Deshalb sollten sie im progressiven Sinne kritisiert und verändert werden. Auch daher seien hier vor allem fragwürdige strukturelle Kopplungen im medialen Feld problematisiert.

Denn Medien, nicht zuletzt öffentlich-rechtliche, sind strukturell doch relativ (zu) eng verbunden, ja: gekoppelt mit Wirtschaft und Politik. Als Stichwort mit Blick auf die alte RBB-Führung mögen verschiedene zweifelhafte, im Raum stehende Verbindungen zwischen der damaligen Intendantin, ihrem Gatten und dem Ex-Verwaltungsratschef genügen.

Strukturelle Kopplungen zwischen Medien, die möglichst unabhängig sein sollen, und gesellschaftlich machtvollen Feldern wie Politik und Wirtschaft sollten als grundlegendes Problem debattiert werden: Zum in der Tendenz besonders in Ostdeutschland sinkenden Vertrauen in etablierte Medien [1] trägt nicht zuletzt dieser Aspekt bei. Dieser strukturellen Kopplungen und damit Beschränkungen sollten wir uns deutlicher bewusstwerden. Wir sollten versuchen, Medien dagegen auf neue Weisen zu vergesellschaften.

Dafür gab es während der Wendezeit in der DDR unter anderem an dortigen "Runden Tischen" sinnvolle Impulse, die leider gesamtdeutsch kaum oder gar keine Chancen bekamen. Stattdessen etablierten sich im Zuge eines nahezu kompletten Elitenaustauschs viele (und logischerweise nicht zwangsläufig erstklassige) Leute aus der "alten" Bundesrepublik.

Und damit auch die Tendenz westlich dominierter struktureller Kopplungen ("Netzwerke") zwischen Medien sowie Politik und Wirtschaft. Bis heute schreibt sich diese Tendenz fort. Die erneute Studie in diesem Jahr von MDR und Uni Leipzig "Der lange Weg nach oben [2]" dazu, inwiefern es Ostdeutsche in die Eliten schafften, zieht folgendes Fazit, Stand 2022, mit Bezug auf die vorherige Studie 2016, damals unter dem Titel: "Wer beherrscht den Osten?":

Auch dreißig Jahre nach dem Mauerfall sind Ostdeutsche in Führungspositionen bezogen auf ihren Bevölkerungsanteil teilweise stark unterrepräsentiert, sowohl in gesamtdeutschen Führungspositionen als auch in Ostdeutschland selbst. Ein in den letzten Jahren erwartetes Nachrücken Ostdeutscher in Elitepositionen bzw. ein Ansteigen der Anteile findet in vielen der gesellschaftlichen Bereiche kaum statt.

Das Problem der Unterrepräsentanz der Ostdeutschen in Führungspositionen besteht in den ostdeutschen Ländern und Ostberlin weiterhin deutlich, aber sogar noch gravierender (mit fünf gegenüber drei fast doppelt so stark, was den nötigen Ausgleichsfaktor angeht) in Gesamtdeutschland.

Die Ost-West-Elitenstudien untersuchten auch Top-Positionen in öffentlich-rechtlichen Medien im Osten Deutschlands. Bei Intendant:innen sowie Führungspositionen wie Programmdirektor:innen sowie Chefredakteur:innen geht es hier bei MDR, RBB und NDR-MV um genau 13 Positionen.

Was Katrin Vernau mit dem Sendegebiet zu tun hat – und was mit dem WDR

Dabei gab es zwar einen stetigen Anstieg, allerdings von extrem niedrigem auf niedriges Niveau. Nachdem 2004 zwei Ostdeutsche (17 Prozent) und 2016 drei (27 Prozent) gezählt wurden, sind aktuell vier Ostdeutsche (31 Prozent) auf diesen wie zuvor erwähnt 13 Top-Positionen zu finden. Dabei gelten laut Studie mehr als 80 Prozent der Menschen in diesen Sendegebieten als Ostdeutsche – Ostdeutsche bleiben also auch in dieser Hinsicht deutlich unterrepräsentiert.

Was hat das mit dem Fortgang beim RBB zu tun? Nun, die neue Übergangs-Intendantin Katrin Vernau, am Mittwoch erst im zweiten Wahlgang mit der nötigen Zweidrittelmehrheit vom RBB-Rundfunkrat gewählt, war die einzige Kandidatin, welche eine vierköpfige Findungskommission nominiert hatte.

Bemerkenswert: Frau Vernau ist mit Ausnahme ihrer Promovierung an der Uni Potsdam [3] nicht nur eine lupenreine Westfrau mit entsprechenden offenbar guten Vernetzungen und vom WDR, Medienberichten zufolge war sie auch eine Vertraute des dortigen Intendanten Tom Buhrow.

Frau Vernau ist bezüglich der strukturellen Kopplungen in Richtung Wirtschaft zudem auch eine in Wirtschaftskreisen anscheinend hoch angesehene Managerin, die viele Jahre als Partner in der Unternehmensberatung Roland Berger tätig war.

Hinzu kommt, dass sie mit Blick auf die strukturellen Kopplungen in Richtung Regierungspolitik, was die SPD-geführten Landesregierungen in Berlin und Brandenburg angeht, 2011 als Parteilose beinahe für die SPD in Baden-Württemberg Ministerin geworden wäre, dank ihres Platzes im Schattenkabinett von Nils Schmid.

Dorette König (amtierende Vorsitzende des RBB-Verwaltungsrats und eines der drei Mitglieder der Findungskommission, die Frau Vernau favorisierten) würdigte die neue Intendantin geradezu euphorisch als "exzellente Managerin" – ohne anscheinend auch nur ansatzweise darüber reflektiert zu haben, dass journalistisch-publizistische Kompetenz mit Blick auf die Region Berlin-Brandenburg und eine damit verbundene größtmögliche wirtschaftlich-politische Unabhängigkeit ja vielleicht auch Auswahlkriterien hätte sein können.

Stattdessen scheint nun Katrin Vernau auf ihre Weise sogar noch mehr als ihre Vorgängerin das Problem struktureller Kopplungen zwischen Medien und Politik/Wirtschaft zu verkörpern – Akkumulation verschiedener Kapitalsorten sozusagen auf erweiterter Stufenleiter.

Im Interview in der Sendung Brandenburg Aktuell am Mittwochabend machte die Auserwählte relativ klare Management-Ansagen [4]:

Ich habe mich angeboten, mich hier zu engagieren und den RBB aus der Krise herausführen.

Sie kokettierte dabei, mit der Region und dem Sender bisher kaum etwas zu tun (gehabt) zu haben:

Alles, was ich weiß über den RBB, weiß ich aus der Presse.

Auch ihr offenbar strikt wirtschaftsliberales Verständnis von Transparenz verhehlte sie nicht – Whistleblower sollten aufhorchen:

Die Gremien (sind auch) in gewisser Weise disfunktional. Beispielsweise ist ja gestern aus einer vertraulichen Sitzung auch alles (sic!) an die Presse (sic!) durchgestochen worden. Das zeigt mir, dass es da auch Schwierigkeiten gibt.

Last but not least scheint sie auf ihre bewährten Netzwerke zurückgreifen zu wollen:

Dann werde ich mir ein Team zusammenstellen, auf das ich bauen kann.

Freienvertretung spricht von "Statthalterin Buhrows"

Dass Katrin Vernau nicht, auf ihre betriebswirtschaftliche Weise, Klartext geredet hätte, kann man der neuen RBB-Intendantin ganz sicher nicht vorwerfen. Und zumindest die relativ kämpferische Freienvertretung des RBB hat das offenbar ziemlich gut verstanden: Man sehe in Vernau "eine Statthalterin Buhrows" und eine Vertreterin der Arbeitgeberseite [5].

Grundsätzlich freilich gilt, über die konkrete Personalie hinaus und auf die Strukturen geschaut: Öffentlich-rechtliche Anstalten können, selbst wenn ihr Spitzenpersonal vollkommen integer agiert und die dortigen Journalist*innen professionell arbeiten, nur bedingt "staatsfern" oder gar komplett "unabhängig" sein, obwohl sie es sein sollten [6].

Denn dieselben Parlamentsmehrheiten, die in den Ländern oder – für das ZDF und das Deutschlandradio – im Bund die Regierung wählen, bestimmen mit dieser Regierungsmehrheit auch die relevanten Mediengesetze und Medienstaatsverträge.

Sie bestimmen zudem, was in den jeweiligen Rundfunkräten als gesellschaftlich relevante Gruppe gilt und bestimmen praktisch auch, welche Leute (oft als direkte oder indirekte Abgesandte der jeweiligen Parteien oder sonstigen Interessengruppen) in diesen Aufsichtsgremien vertreten sind. So bestätigen und reproduzieren sich Machtverhältnisse – daher sollten wir über diese Struktur-Probleme reden und nicht nur über sicher fragwürdiges Verhalten einzelner Spitzen-Leute.

Denn, und das mag einer der Gründe für die "Rote Laterne" des RBB im ARD-internen Quotenranking sein: Für das Problematische solcher strukturellen Kopplungen scheinen nicht wenige Ostdeutsche auch aufgrund von DDR-Erfahrungen, Wende-Hoffnungen sowie Nachwende-Enttäuschungen besonders sensibilisiert.

Was bleibt (zu tun)? Nun, etwa strukturelle Demokratisierungen nicht zuletzt der Medien: Räte des Publikums und Räte der Mitarbeitenden könnten im progressiven Sinne zu Vergesellschaftung – nicht Verstaatlichung! – beitragen.

Publikumsräte im Sinne von Repräsentanz möglichst der gesamten Gesellschaft mögen dafür extra gewählt werden – aber vielleicht, um entsprechend aufwändige Wahlkämpfe zu vermeiden, besser noch aus der gesamten Bevölkerung repräsentativ und zufällig "ausgelost" werden.

Dann sollten diese 30 oder 50 Menschen für zwei oder vier Jahre in diesem Ehrenamt als Kontrollorgan der Anstalten soziale Arbeit fürs Gemeinwesen leisten, mit entsprechenden Ressourcen versehen, wie Weiterbildung in Medienfragen und natürlich bezahlter Reduktion ihrer bisherigen Erwerbsarbeit.

Ähnlich wie Schöffen im Bereich der Rechtsprechung, nur eben im Feld der Medien. Damit vor allem das Programm nachhaltig besser wird, also der Gesellschaft in so wichtigen Bereichen wie Themenauswahl und Meinungsspektren bestmöglich entspricht.

In dieser Richtung könnten wir – als Gesellschaft – uns unsere öffentlich-rechtlichen Medien "auf erweiterter Stufenleiter [7]" (Karl Marx) zurückholen – und damit für uns gleichsam dialektisch „aufheben“ auf ein neues Niveau.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-7257580

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.wiwi.uni-wuerzburg.de/lehrstuhl/professur-fuer-wirtschaftsjournalismus-und-wirtschaftskommunikation/forschung/studienreihe-zum-medienvertrauen/
[2] https://www.mdr.de/themen/dnadesostens/projekt/studie-der-lange-weg-nach-oben-100.html
[3] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/kommt-katrin-vernau-8609305.html
[4] https://www.rbb-online.de/brandenburgaktuell/archiv/20220907_1930/6.html
[5] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/kommt-katrin-vernau-8609305.html
[6] https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/medienpolitik/172237/unabhaengigkeit-und-staatsferne-nur-ein-mythos/
[7] http://www.mlwerke.de/me/me24/me24_485.htm