Architectura virtualis

Architekten errichten immer mehr Bauwerke im digitalen Raum. Eine Menge an dreidimensionalen, durchwanderbaren Modellen und Simulationen steht bereits zur Verfügung. Es ist an der Zeit, an einer virtuelles Architekturmuseum zu denken. Manfred Koop von der TU Darmstadt hat sich an die Arbeit gemacht, doch sein Projekt geht weit über die Idee eines herkömmlichen Museums oder eines intelligenten Hauses hinaus

Architektura virtualis

Kolosseum

Architektonische Entwürfe, Modelle und Simulationen werden heute selbstverständlich mit CAD auf dem Computer realisiert. Im Grunde könnte bereits eine riesige Menge an solchen virtuellen Architekturen im Netz für alle zugänglich sein, doch wenn man sucht, wird man wenig finden oder nur verstreut etwas entdecken. Im digitalen Zeitalter verändern sich nicht nur Bauweisen und die Bedeutung von Orten, sondern auch die Erwartungen an Museen. Roy Ascotts Vision ist dafür ein Beispiel. Vgl. auch die Kritik Paul Treanors an der Umwandlung Europas in einen Geschichtspark.

Cluny

Manfred Koop, der an der TH Darmstadt CAD in der Architektur lehrt, ein Architekturbüro leitet und bereits viele architektonische dreidimensionale Simulationen realisiert hat, begann Mitte November 1995 damit, auf dem WWW unter dem Titel der Architectura virtualis seine Arbeiten zu veröffentlichen und auch Simulationen und Entwürfe von anderen aufzunehmen. Nach und nach werden im ersten Durchgang an die 60 Bauwerke einsehbar sein, angefangen vom Kolosseum über die Klöster Lorsch und Cluny bis hin zu Projekten des Bauhauses oder des Futurismus oder Egon Eiermanns Pavillongruppe für die Weltausstellung 1958. Für nächstes Jahr ist vorgesehen, die Modelle über VRML navigierbar zu machen.

Kloster Lorsch

Für Koop ist dieses Architekturmuseum allerdings nur ein Anfang. Er plant Größeres, schließlich sind für ihn der Computer und die Netze ein Technologiesprung, der durch die digitale Aufbereitung von Informationen, durch Simulations- und Visualisierungstechniken, globale Präsenz und interaktive Bedienung zu einer produktiven "Wissensverdichtung" führt, wobei die Bilder eine "dreidimensionale Universalsprache" darstellen

Die neue Technik bietet uns eine Chance, das erworbene Wissen neu aufzuarbeiten, es von seinen Fehlern zu befreien, es mittels der Technik in vollkommen neue Zusammenhänge zu stellen

Manfred Koop

Es lassen sich nicht nur zerstörte oder gar nie realisierte visionäre Bauwerke im virtuellen Raum wieder errichten, die die Grundlage eines architektonischen Weltgedächtnisses herstellen, sondern mit den digitalen Techniken ist auch ein neues Baumaterial entstanden. Mit und in Information lassen sich virtuelle Architekturen und Erfahrungsräume bauen, aber Information ist auch ein Baustoff, der sich in die materielle Architektur integrieren läßt.

Die Architektura virtualis wird also ein Ort sein, an welchem neben dem klassischen Baumeister Fachleute mitwirken, die wir heute als Neurologen und Dermatologen, Informatiker, bezeichnen.

Manfred Koop

Für die virtuelle Welt aber haben die Menschen noch keine Regeln. Noch ist das neue Territorium, der digitale Baugrund eine Welt der Anarchie, die nur durch die technischen Vorgaben begrenzt wird. Koop will mit seinem Projekt anregen, eine globale, aus dem Konsens von "unterschiedlichsten, weit über den Erdball verstreuten Gruppen" entstehende Architektursprache zu ermöglichen.

Limburg

Um die "Architektura virtualis", das "Zentrum für digitale Bauforschung", aber auch an einem Ort zu verankern, schlägt er das von ihm digital rekonstruierte Kloster Lorsch in der Rhein-Main-Neckar-Region vor. Klöster waren die Informationszentralen des Mittelalters und der ländliche Standort entspricht den Möglichkeiten der Telekommunikationstechnologien, Zentren nicht mehr in verdichteten urbanen Regionen ansiedeln zu müssen. Integrieren soll das digitale Kloster als Vererdung des Cyberspace im realen Raum verschiedene Funktionen: es soll ein dokumentierendes, ein wissensverdichtendes, ein reales und ein experimentelles Museum sein. Florian Rötzer sprach mit Manfred Koop über seine Visionen.

Das Gespräch

Sie haben begonnen, ein virtuelles Architekturmuseum aufzubauen, das zunächst aus etwa 60 dreidimensionalen Exponaten bestehen soll, die über das Internet einsehbar sind. Sie beschreiben diesen Anfang als Beginn einer Sammlung des Weltkulturerbes, und nehmen für sich in Anspruch, daß es das erste etwas umfassendere Architekturmuseum ist. Aus welchem Motiv entstand eigentlich die Idee dazu?

MANFRED KOOP: Zunächst ist der Ausdruck "virtuelles Architekturmuseum" vielleicht falsch gewählt. Ich habe es als digitales Architekturmuseum deklariert, weil ich das ganze Gerede vom Virtuellen nicht mehr hören kann. Mir geht es um etwas ganz anderes.
Das Museum im Internet ist eine Dokumentation von Projekten, die von uns erarbeitet wurden. Aber das ist ja nur der kleinste Teil des Projekts. Natürlich liegt der Beginn darin, daß man Datensätze von Projekten, wie z.B. vom Kolosseum, vom Kloster Lorsch oder von der Hochschule "Bauhaus", sammelt, sichert und zugänglich macht, doch würden diese Datensätze in Kürze nicht mehr lesbar sein. Hardware und Software verändern sich dauernd, doch wer sichert überhaupt die Datensätze und wer pflegt sie weiter. Das ist eine Menge Arbeit drin, was wir mit dem Projekt einmal ansprechen wollten.
Der zweite Gedanke ist, wer denn überhaupt solche Bilder aus der Vergangenheit, die wir produzieren, kontrollieren soll. Ich habe nirgendwo eine Stelle oder eine Institution gefunden, die Filme oder Bilder aus der Vergangenheit auf ihren Wahrheitsgehalt prüft. Sie schwirren ungeprüft durch die digitale Welt und keiner prüft ihren Wahrheitsgehalt. Unser Anliegen ist, daß darum ein paar Leute oder Institutionen kümmern sollten, die auch die Qualität der Inhalte prüfen müssen.
Das dritte Motive für die Sicherung solcher Datensätze liegt darin, daß hier eine große Möglichkeit besteht, Wissen zu verdichten. Die dreidimensionalen Datensätze lassen Möglichkeiten der Verarbeitung von Wissen für den Betrachter oder auch für den Hersteller zu, die es bislang nicht gegeben hat. Früher war es notwendig, sich sehr viel Literatur, sehr viele Pläne anzusehen, die jetzt in einem dreidimensionalen Bild verdichtet sind, wodurch man einen viel schnelleren Zugang zum Wissen findet.

Welchen Vorteil aber solch ein digitales Architekturmuseum mit dreidimensionalen Simulationen alter Architektur, die Sie irgendwann auch über VR-Technik durchwanderbar machen wollen, für die Architekten selbst, die heute neue Bauwerke realisieren sollen?

MANFRED KOOP: Ich will noch einmal zum digitalen Architekturmuseum zurück, zum Begriff "Architectura virtualis". Durch die Technik kann ich mein Bewußtsein erweitern, eröffnen sich mir neue Sehweisen, neue Blickwinkel, die früher nicht realisierbar waren. So würde für mich der Begriff der Virtualität einen Sinn ergeben. Aber mit Begriffen wie virtuelle Realität oder virtuelles Museum kann ich nichts anfangen. Entweder ist etwas virtuell oder real. Ich kann nur die eine Wirklichkeit wahrnehmen, und jetzt haben wir eine andere Möglichkeit die Wirklichkeit wahrzunehmen.
Es ist natürlich immer wieder unheimlich aufregend, wenn etwas im Internet passiert. Hier geschieht immer etwas Neues, aber das allein macht noch keinen Sinn.

Sie wollen aber doch nicht nur Rekonstruktionen von ehemaligen oder noch existierenden Gebäuden sammeln und ins Netz stellen? Es können doch auch Projekte im virtuellen Raum selber sein?

MANFRED KOOP: Das können Projekte jeder Art sein. Natürlich liegt es auf der Hand, daß erst mal die Projekte, die jetzt vorhanden und für jedermann verständlich sind, gesammelt werden. Und das sind solche aus der Vergangenheit. Ich beschränke mich derzeit mit meinen eigenen Arbeiten auf nie gebaute, nie verwirklichte oder zerstörte Gebäude. Die beginnende Moderne in den Zwanzigern oder das Bauhaus waren ja ein Projekt. Cluny, das Kloster Lorsch oder das Kolosseum sind noch weiter zurückliegende Projekte. Wir haben vor kurzem an einer Ausstellung in Japan teilgenommen, für die die ganzen futuristischen Utopien im Bereich des Städtebaus und der Architektur im Rechner realisiert worden sind. Das sind wieder um die 40 Projekte, die es jetzt gibt, aber von denen kaum jemand weiß.
Wir wollen überdies die Möglichkeit anbieten, daß die Menschen, die sich mit diesen neuen, mit diesen geistigen Räumen befassen, experimentieren können, und daß auch die Projekte mit aufgenommen werden.

Was wäre denn Ihre Idealvorstellung? Es gibt also eine Art Zentralstelle, die diese Daten verwaltet, aufbereitet, sichtet, katalogisiert und zugänglich macht.

MANFRED KOOP: Wenn man ein virtuelles Museum ins Internet stellt, macht sich das Museum ja überflüssig, weil es in der vernetzten Welt überall existiert. Dann brauche ich rein technisch gesehen nur noch die Links setzen. Das kann ja nicht der Sinn sein, es sei denn, man will so etwas initiieren und damit den Begriff "Museum" ein für alle Mal auflösen.

MANFRED KOOP: Ein Museum beinhaltet, daß etwa an einem Ort unter Selektionskriterien aufbewahrt wird. In den fünf Säulen, die wir in unserem Projekt angedacht haben, ist ein haptischer Ort noch notwendig, an dem sich Leute nach wie vor treffen, zusammenarbeiten, in täglichen persönlichen Kontakten etwas aufbereiten oder arbeiten können. Wir haben dafür das Kloster Lorsch als Symbol ausgesucht. Das bietet sich an, weil es wirklich ein phantastischer Ort ist. Dort ist ein geeignetes Gebäude, aber der Symbolwert ist das Wichtige. Das Kloster im Mittelalter war auch ein Ort, an Wissen aufbereitet wurde, gehortet und weitergeleitet wurde. Wichtiger aber ist symbolisch eine neue Beziehung zum Ort. Wenn wirklich die Richtung dahin geht, daß ökonomische und ökologische Bedingungen für einen Ort immer unwichtiger werden und die kommunikativen Aspekte eine immer größere Rolle spielen, dann wird das flache Land gleichwertig mit den Metropolen. Das passiert schon, und das was im Moment an Reparaturarbeiten an dieser Mißgeburt "Stadt" noch stattfindet, sind die letzten Zuckungen. Es gibt damit eine neue Chance, die Mißgeburt "Stadt" endlich zu überwinden. Also "Lorsch" als haptischer Ort ist auch ein Symbol.

Also vornehmlich für die Dezentralisierung ....

MANFRED KOOP: Die haptischen räumlichen Orte, die bislang ausschlaggebend waren, werden für mich dann zu geistigen Verbindungen.

Aber dennoch müssen sich diese wieder niederschlagen in Architekturen, denn Menschen und Maschinen müssen beherbergt werden. Wird es denn eine neue Architektur für diese ruralen, über Netze verbundene Orte geben?

MANFRED KOOP: Das ist wohl die große Frage. Heizen muß ich noch und es soll nicht hereinregnen. Die ganze Idee ist ja erst einmal ein Konzept, und ob es verwirklicht werden kann, hängt davon ab, ob es Geldgeber, private Institutionen und die öffentliche Hand, geben wird. Ich habe größte Befürchtungen, daß das nicht klappen wird, weil kein Geld da ist. Aber das soll uns nicht hindern, trotzdem weiter zu machen.
Was wäre die Architektur von so einem Gebäude? Es muß Experimentalräume geben, die sich als "Wahrnehmungslabor" bezeichnen lassen.

Alles auf computergestützter Basis?

MANFRED KOOP: Ja. Andere Experimentalorte gibt es ja schon genügend, die sich mit anderen Dingen beschäftigen. Es müssen natürlich auch ganz normale Arbeitsräume da sein. Wie kann so eine Architektur aussehen, wenn neben dem haptischen Raum und der ganz klassischen, traditionellen Bauform und den traditionellen Baumitteln ein neues Baumaterial mit integriert wird? Dieses neue Baumaterial ist die Information.

Das sollte dann aber über die "Fassadengestaltung", also über die interaktive Fassadengestaltung, hinausgehen

MANFRED KOOP: Das geht weit über Infotainment-Architektur hinaus. In unserem Entwurf sind z.B. wirklich Verknüpfungen von der Außenhaut zur Information angedacht. Wir haben unseren Entwurf "Nullarchitektur" genannt, weil ich ja überhaupt nicht weiß, was in Zukunft in diesem Gebäude passieren wird. Wenn ich nicht weiß, was in dem Gebäude passieren wird, wie soll ich es dann außen gestalten? Das wäre eine Forderung.

Es gibt praktisch eine Außenhülle und einen offenen Leerraum?.

MANFRED KOOP: Im Gebäude sollen alle derzeit möglichen Verknüpfungen von Material und Information realisiert werden, und es soll für Experimente und künftige Möglichkeiten offenbleiben, die wir jetzt noch gar nicht kennen.
Ich mache das einmal an einem Beispiel klar. Warum sollten Gebäude nicht zittern, wenn es kalt ist? Warum sollte sich ein Gebäude nicht nach außen hin äußern, wenn sich die Inhalte ändern. Die Frage der Nachnutzbarkeit, die Frage des Offenen, was künftig kommen kann, soll damit verwirklicht werden. Das wäre Teil eines Wettbewerbs, den man ausschreiben würde. Man würde die Leute einladen, die sich mit diesen Themen schon beschäftigt haben.

Wenn man diesem Thema also einen Namen geben wollte, dann geht das über intelligente Architektur hinaus und in die Richtung einer Art "lebendiger" Architektur.

MANFRED KOOP: Mehr in diese Richtung, ja. Das hat nichts mit einem "Intelligent Building" zu tun, sondern eher damit, daß wir nicht wissen, was in der Zukunft sein wird. Wer heute etwas für die nächsten zwei Jahre postuliert, kann zwar Recht haben, aber kann auch völlig daneben liegen. Was bedeutet das für eine Architektur? Im Innenraum darf inzwischen jeder machen, was er will - vom Wohnraum bis zum Büro. Aber die Architekten bevormunden noch die Menschen, die in den Gebäuden wohnen. indem sie vorschreiben, wie sie von außen zu sehen sind. Jetzt kommt die Frage, wie weit sich das Individium, daß sich innen schon äußern darf, wie es will, auch nach Außen äußern darf oder soll. Das ist ein Inhalt, ein Teil des Gebäudes.

Das geplante Gebäude soll aber dennoch auch vorbildlich für eine Architektur im digitalen Zeitalter sein?

MANFRED KOOP: Wenn bei einem Wettbewerb das Ergebnis herauskommen würde, daß wir kein Gebäude brauchen, dann wäre das auch ein Ergebnis. Ich will das mal ganz offen lassen.
Das kulturelle Weltgedächtnis hat sich geändert. Und da spielt sich etwas Spannendes ab. Weniger in der Architektur, denn gegen Regen brauchen wir noch ein Dach, gegen Hitze noch eine Wand, aber in den Köpfen findet etwas statt, das ich noch nicht klar erkennen kann. Wie wird man die geistigen Räume gestalten?

Das Spannende ist aber wohl doch die Verknüpfung der beiden Räume. Also nicht nur die Architektur im wirklichen Raum, oder die virtuelle Architektur.

MANFRED KOOP: Aber dieses Thema ist auch uralt. Jede Kirche funktioniert so. Wenn ich in eine Kirche gehe, ist das nicht nur ein Raum, der oben ein Gewölbe oben oder ein gotisches Glasfenster hat, sondern da steckt etwas Geistiges dahinter, das dadurch zum Leben erweckt werden soll. Nehmen Sie eine Bar. Da gibt es das gleiche Spiel. Wenn ich in eine Bar gehe, dann ist da ein Tisch, an dem ich sitze, oder eine Bar, an der ich stehe, und ein Bier trinke oder Whiskey trinke. Das hat etwas mit Seelenmassage zu tun. Eine Bar ein geistiger Raum, in dem sich Menschen mit anderen treffen, sich mit anderen aussprechen wollen. Das gibt es also alles schon. Aber was passiert, wenn dieser geistige Raum sich vom Ort löst, wenn der Ort einfach verschwindet? Dann wird es spannend.
Stellen Sie sich folgendes vor: Das Gebäude in "Lorsch", das wir als Erstling oder als "Beginnling" entwerfen, wollen wir auf einer ideellen Linie weiter versenden. Die nächsten zwanzig Menschen sollen es weiter entwerfen, ihre Randbedingungen, die Erfahrungen ihrer Kultur, ihre Materialien und ihre Ideen hinzufügen. Und irgendwann, so hoffen wir, wird es wieder zu uns zurückkommen.

Das wäre eine Art "Kettenarchitektur" - so wie ein Kettenbrief ...

MANFRED KOOP: Aber in dem Moment hat sich ja ein Gebäude erübrigt. Die einzige Randbedingung, die wir setzen, ist, daß das Gebäud inhaltlich weiter bearbeitet werden kann. Man muß es aufnehmen können, das ist die einzige Randbedingung. Parallel dazu fordern wir dazu auf, weil wir ja sagen, daß das Gebäude auch ein geistiger Inhalt ist, sich in anderer Weise zu äußern und es zu ergänzen. Beispielsweise schicken wir ein Stück Poesie und ein Musikstück mit, das auch weiter komponiert, weiter gedacht werden soll. Mal schauen, was in dieser Endlosschleife herauskommt, und wen wir alles rund um den Globus finden, der mitmacht. (Manfred Koop im Gespräch mit Florian Rötzer)