Anstandsunterricht für iPhone-, Instagram- und E-Zigaretten-Nutzer

Ein Twitter-Account zeigt, wie die Serie Seinfeld heute aussehen könnte

Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 50 Jahre brachten nicht nur, wie anfangs geglaubt, einfach mehr Freiheit im gesellschaftlichen und geschlechtlichen Umgang, sondern ersetzten auch alte ungeschriebene Regeln durch neue. Das Erfolgsgeheimnis der Fernsehserie Seinfeld (die fast genau vor 25 Jahren das erste Mal im Fernsehen lief) war es, dass darin solche neuen sozialen Regeln von den Protagonisten erkannt, diskutiert und ausprobiert wurden. Eine Art Anstandsunterricht als Sitcom - und ein ausgesprochen wichtiger Beitrag zur Kultur des späten 20. Jahrhunderts.

Ausgesprochen unterhaltsam war das unter anderem deshalb, weil die Figuren Jerry Seinfeld, George Costanza, Cosmo Kramer und Elaine Benes die Folgen und Feinheiten neuen Regeln so konsequent durchdeklinierten, dass darunter eine gewisse Absurdität des Alltags zutage trat. Diese hatte, wie Elizabeth Nolan Brown in Reason anmerkt, oft mit technischen Gegebenheiten zu tun, die in den 1980er und 1990er Jahren für breite Bevölkerungsschichten noch relativ neu waren: Zum Beispiel mit einem Anrufbeantworter.

Seit 1998, als die letzte Staffel von Seinfeld ausgestrahlt wurde, hat sich technologisch, wirtschaftlich und sozial einiges getan. Der Buzzfeed-Redakteur Jack Moore stellt sich deshalb in dem von ihm befüllten Twitter-Account Modern Seinfeld öffentlich vor, wie die Plots und Gags heute aussehen könnten: Da entwickelt dann zum Beispiel Cosmo Kramer eine App, die Ideen für andere Apps liefert, und Jerry Seinfeld fragt sich, wie wohl die Vergangenheit seiner neuen Freundin aussieht, wenn sich ihr iPhone automatisch mit dem WLAN seines (ihm verhassten und eher unattraktiven) Postbotennachbarn Newman verbindet.

Screenshot: Telepolis

All das wird mit nur 140 Zeichen geschildert, weckt aber genug Erinnerungen und Assoziationen, um sich eine ganze Folge vorstellen zu können. Zumindest dann, wenn man genug alte Seinfeld-Folgen kennt. Dann sieht man schon durch den bloßen Tweet bildlich vor sich, wie die regelerfüllungspedantische Elaine Benes verbissen und auf immer groteskere Weise versucht, Bilder mit schwarzen Arbeitskollegen aufzunehmen, weil ihr neuer Freund die beiläufige Bemerkung fallen ließ, dass es auf ihren Instagrams ja gar keine Afroamerikaner gibt. Oder man hört den quasi-hundeerzieherischen Geduldverlustausbruch von Jerry Seinfeld, als sich seine E-Zigaretten-konsumierenden aktuelle Eroberung ihm gegenüber damit rechtfertigt, dass die Geräte keinen Rauch, sondern bloß Dampf ausstoßen.

Larry David, der Hauptautor der Serie Seinfeld, der seinen Erfolg mit der Nachfolgeshow Curb Your Entusiasm nicht wiederholen konnte, ist kein Freund von "Modern Seinfeld", geht allerdings auch nicht juristisch gegen Moore vor. Seiner Ansicht nach hätten die Tweets die Qualitätskontrolle für Seinfeld-Episoden nicht bestanden. Viele Fans sind da anderer Ansicht, weshalb @SeinfeldToday aktuell über 700.000 Follower hat. Accountinhaber Moore brachte das einen Drehbuchautorenvertrag für eine neue Show namens Manhattan Love Story ein, die diesen Herbst auf ABC anlaufen soll. (Peter Mühlbauer)

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