Ansätze zu einem Speziellen Modell vernetzter Kommunikation

Von der Entwicklung eines allgemeinen theoretischen Ansatzes unter Bezugnahme auf alte und neue Paradigmen sowie Trends hin zu einem spezifischen Modell der vernetzen Interaktion und Kollaboration

Was sofort ins Auge fällt: das Netz gehört nicht zu den Dingen, die sich ohne weiteres von außen beobachten lassen. Man muß es schon benutzen. Dann haben die Beobachtungen aber den Charakter einer Selbstbeschreibung des Benutzers, vielmehr denn einer 'objektiven' Beschreibung (also der Beschreibung eines Objekts). Gewiß lassen sich Aspekte des Netzes und seiner Benutzung objektivieren, lassen sich etwa die historischen Wurzeln in den militärischen Bereich, oder in den der Büroautomation verfolgen, Leistungsfähigkeit kann quantifiziert, Leistungsmerkmale beschrieben, Nutzung kann analysiert werden. Neben dem Sachcharakter den das Netz zweifellos aufweist, ist es aber wesentlich eine Organisationsstruktur, die nicht nur Kommunikation, sondern immer auch ihre eigene Veränderung organisiert und sich damit statischen Beschreibungsverfahren entzieht: man müßte vernetzte Kommunikation - wenn es denn möglich wäre - in der Wechselwirkung der technologischen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen beobachten, von welcher sie (sowie ihr Beobachter /Nutzer) nur eine grobe Simplifizierung überhaupt zu trennen vermag.

Genaugenommen beobachten wir etwas, indem wir es verändern. Diese zunächst vielleicht kontra-intuitiv erscheinende Methodik beruht auf einem Verhältnis zwischen Beobachter und Beobachtung, das dem klassischen Objektivitätsansatz widerspricht und doch in verschiedenen Wissenschaftsbereichen in Erwägung gezogen werden mußte: so haben Quantenphysiker zur Kenntnis genommen, daß offenbar der Vorgang des Beobachtens den Gegenstand der Beobachtung verändert (was tatsächlich die ontologische Basis des Beobachters, anstatt ein physikalisches Phänomen charakterisiert); oder der (Radikale) Konstruktivismus geht davon aus, daß in der Wahrnehmung Wirklichkeit konstruiert wird. Das heißt also, eine Beobachtung beobachtet eine durch sie bewirkte Veränderung (Distinktion) - und umgekehrt, daß man dadurch beobachtet, indem sich der Beobachter zum Gegenstand der Beobachtung in eine diesen verändernde Beziehung begibt. Dazu kommt, daß nach Maturana & Varela Beobachtung im Sinne von Unterscheidung und Differenzierung von Welt im Prozeß der Selbstdistinktion des 'beobachtenden Systems' stattfindet; und diese Unterscheidung von Selbst und Welt entsteht in der Sprache (languaging). Ich weiß nicht ob sich das für unsere Zwecke auch einfacher sagen läßt (etwa wie eingangs, daß wir etwas über ein System wie das Netz erfahren, indem wir mit ihm in Interaktion treten) ohne die Feinheiten und Implikationen des Ansatzes zu verlieren, zumal ich versuchen werde, ein Kommunikationsmodell auf diesen Beobachterbegriff aufzubauen. Aber zunächst sollen einige Entwicklungstendenzen beobachtet werden, um das Problemfeld etwas zu verdeutlichen.

Trends und Paradigmen

Die Veränderung der Klientel des Netzes in den letzten Jahren und das plötzliche Interesse der Industrie, der Massenmedien und Machtpolitik sind als direkt oder indirekt wirkende Vereinnahmungs- und Regulierungstendenzen zu beobachten, die wohl darauf abzielen, das 'Netzartige' am Netz aufzulösen und durch Laisser-faire kapitalistische Strukturen zu überlagern - die heute auch von Paradekapitalisten bereits kritisch gesehen werden [Soros 1997] . Auch diese Veränderungen machen bestimmte Eigenschaften des Systems deutlich, nämlich zum Beispiel die Anfälligkeit einer global vernetzten Kommunikationsstruktur solche Tendenzen zu verstärken und errungene Diversifikation auch wieder rückzubilden. Ein Grund liegt offenbar darin, daß das Prinzip der (n zu n) Vernetzung ein formales, und in 'realen' Kommunikationsprozessen nicht sonderlich ausgeprägt ist und daß sich Kommunikationsverhalten vorzugsweise entlang normativer - was heute soviel heißt wie industriell produzierter -Trends orientiert, sowie steuern, kontrollieren, verändern und darstellen läßt. Der größere Zusammenhang besteht wohl darin, daß - vereinfacht ausgedrückt - sich die Kommunikationsindustrie zunehmend über die Produktion von Trends definiert, die wiederum die kommunikative Infrastruktur ihrer Produkte bestimmen, sodaß in der Folge auch Interaktion in/mit dieser Infrastruktur und letztlich Kommunikation als solche zunehmend als Sub-Phänomen dieser Trends begriffen wird.

Eines der dominanten Paradigmen die neuere Trends prägen ist die sogenannte 'Objekt Orientierung', die natürlich auch in Kommunikations-Environments zu finden ist. Der ursprüngliche Ansatz des 'Object Oriented Programming' beruht auf einem Formalismus, der kurz gesagt Datenstrukturen in Form von Objekten zur Verfügung stellt, die ihre Eigenschaften und Methoden einschließen (encapsulation) und die auf der Basis ihrer Zugehörigkeit zu Objektklassen (inheritance) instanziiert und differenziert (overriding) werden. Die trivialisierte Übersetzung dieses Ansatzes in eine Designphilosophie symbolisch /graphischer Environments ist leider kaum in einer infrastrukturellen Erweiterbarkeit, sondern tatsächlich in einer rigorosen Vergegenständlichung und Standardisierung zu erkennen: für den User stellt sich vernetzte Kommunikation als ein Besuch in einer (Kommunikations-) Räumlichkeit dar, die der User-User Interaktion zwischengeschaltet ist und als Träger einer festgelegten Interaktionsdynamik fungieren soll. Solche Kommunikationsräume sind vorzugsweise als spröde Realwelt Metaphern konzipiert, die bewirken, daß sich das Environment zu Kommunikations-Kontexten oder -Formen die es nicht unmittelbar unterstützt beziehungslos oder störend verhält, sodaß sich Kommunikation in diesen Räumen überwiegend um die Objekte dreht, die das Environment anbietet. Die Kommunikationsteilnehmer agieren somit als Besucher, deren (Orientierungs-) Interaktionen sich weitgehend auf eine statische Welt beziehen.

Praktisch allen Standardapplikationen für vernetzte Kommunikation liegt ein Kommunikationsmodell zugrunde, das im wesentlichen auf das informations-theoretische (IT) Modell von Shannon & Weaver zurückgeht. Dieses mathematische Modell von Kommunikation ist zumindest als 'Sender - Transmitter - Receiver' Schema allgemein bekannt und prägt nicht nur die technische Realisierung, sondern auch die Interaktions-Logik so gut wie aller Kommunikationseinrichtungen und in gewissem Maße selbst den Diskurs über Kommunikation.

Was Shannon/Weaver im Sinn hatten ist im wesentlichen ein statistisches Verfahren um die Informationskapazität eines übertragungskanals zu messen. Damit immunisiert sich ihr Ansatz gegen den meist-erhobenen Einwand, daß die Theorie keine Aussage über die Bedeutung von Information zuläßt: das IT-Modell ist völlig abstrakt, es kümmert sich nicht um die Bedeutung der transportierten Information. Der Einwand sollte sich also vielmehr gegen die Konvention richten Kommunikations-Environments unmittelbar an diesem Grundmodell der Informationsübertragung zu orientieren. Ein Kommunikationsmodell unterscheidet sich von einem der Informationsübertragung indem es sich nur indirekt mit den Kapazitäten von Verbindungen, der überlagerung des Signals durch Rauschen, der Codierung und Decodierung von Information und mit übertragungssicherheit befaßt, sondern vielmehr mit Aspekten im Bereich der Kommunikationsteilnehmer, also dem generieren, darstellen, interpretieren und strukturieren des Kommunikations-Kontexts. Diesen Anforderungen wird von konventionellen Applikationen, aber auch von Kommunikationsmodellen nur ansatzweise entsprochen. (Eine übersicht über Kommunikationsmodelle findet sich etwa in McQuail & Windahl , eine Reihe weiterer Einwände gegen den Shannon/Weaver-Ansatz etwa in Luhmann 1984

Die Orientierung am klassischen IT-Ansatz ist für verschiedene Paradigmen verantwortlich; einige dieser Paradigmen lassen sind an den Konstituenten des sender /receiver-Schemas festmachen: noch vor nicht allzu langer Zeit stand insbesondere der 'channel' im Zentrum des Interesses, also der Transport und die Transformation von Daten durch ein Programm, und forcierte einen applikations-orientierten Ansatz in der Datenverarbeitung. In der Zwischenzeit hat ein Paradigmawechsel die zu transportierenden und darzustellenden Daten, die 'message', das Multimedia-Dokument, in den Vordergrund gerückt und damit das Paradigma der Dokument-Orientierung. Gerade aber im Bereich der vernetzten Kommunikation ist nicht die message als solche der zentrale Aspekt sondern die Beziehung zwischen messages und der Interaktions-Prozeß der den Kommunikationsverlauf strukturiert. Was die Beziehung zwischen messages betrifft so ist Hypertext ein Schritt in diese Richtung, obwohl die typischen Hypertext Applikationen nach wie vor klar dokument-orientiert sind (für einen überblick über Hypertext siehe etwa Delany & Landow 1990 , Cordes & Streitz 1992 .

Im IT-Modell und in daran orientierten Applikationen sind die Kommunikationsteilnehmer (sender und receiver) Endpunkte; sie sind als Adressen oder als (Identifikations-) Objekte repräsentiert. Tatsächlich sind aber die in diesen 'Endpunkten' ablaufenden (Inter-) Aktionen die eigentlichen Prozessoren des Kommunikationsprozesses. Wie gesagt, nicht die Repräsentation von Usern, sondern der Prozeß der Interaktion, und nicht die message als solche sondern die Beziehung zwischen messages sind wohl die zentralen Aspekte (vernetzer) Kommunikation. Das Paradigma der User-Zentrierung kommt dieser Forderung am nähesten, indem Mensch/Maschine-Schnittstellen eine 'subjektive' und kontext-sensitive Perspektive der jeweiligen Situation und der entsprechenden Optionen darstellen. Allerdings sind mir nur einzelne features bekannt die diesem Ansatz zuzuordnen wären (z.B. user-zentrierte Navigation in VR-Environments, kontext-sensitive Menus); möglicherweise liegt das Problem etwas tiefer.

Ein Spezielles Kommunikations Modell

Die Orientierung von Kommunikationsmodellen am klassischen IT-Ansatz läßt sich an verschiedenen Problemen erkennen; einige werden im folgenden angedeutet und ein alternativer Ansatz wird skizziert.

Eines dieser Probleme besteht darin, daß das IT-Modell (als physikalisch /mathematisches Modell klarerweise) aus der logischen Position eines Super-Beobachters entwickelt ist. Indem der Informationstheoretiker diese ideale Perspektive einnimmt verschafft er sich überblick über alle zeitlichen und örtlichen Aspekte der übertragung von Information. Gerade wer in Netzen kommuniziert weiß jedoch, daß die Sicht eines Kommunikations-Teilnehmers (sender, receiver) auf einen kommunikativen Vorgang wesentlich eingeschränkter ist: nämlich auf seinen unmittelbaren Interaktionsbereich. Dieser ist in heutigen Kommunikations-Infrastrukturen als ein (graphisches) Interface symbolisiert und endet üblicherweise dort wo das Netz beginnt.

Von der Nutzerperspektive aus gesehen genügt es somit nicht, daß eine Nachricht (message) versandt wurde und daß mit einiger Sicherheit angenommen werden kann, daß sie (als signal) auch übertragen und von einem Adressat empfangen werden wird, um von Kommunikation zu sprechen. Der Sender bedarf einer Antwort um eine Vorstellung von der Situation zu erhalten (ob die Adresse überhaupt existiert, ob es sich um eine Person oder ein automatisches Service handelt, ob und wie die Nachricht offenbar verstanden wurde, was die Antwort impliziert, welche Optionen für weitere Interaktionen sie ermöglicht, etc.). Erst in der Beziehung einer Interaktion zu anderen erhält sie ihre Bedeutung. Da die Zeitdifferenz zwischen Interaktionen diesbezüglich eine untergeordnete Rolle spielt, gilt dies in gleicher Weise für Varianten sogenannter Echtzeit-Kommunikation und relativiert die übliche Unterscheidung zwischen synchronen und asynchronen Systemen.

Daß Netzkommunikation defacto eher im Sinne von Informationsübertragung betrieben wird, wird durch verschiedene Standardisierungen, Konventionen und impliziten Annahmen gewährleistet; beispielsweise dadurch, daß vernetzte Kommunikation im wesentlichen (in Anlehnung an das Postwesen) address-basiert organisiert ist, indem eine Interaktion also an eine Adresse gerichtet ist, die entsprechende Verfahren kennt um mit dieser Interaktion umzugehen. Adress-basierte Kommunikation ist natürlich nur ein Spezialfall; Agenten sind ein Beispiel dafür, Netze auf der Basis beliebiger Kriterien zu durchwandern (erfordert jedoch, daß der Kontext in dem sie operieren spezifizierbar ist).

Genaugenommen besteht Kommunikation darin, Relationen zwischen einzelnen Interaktionen explizit zu machen, die die jeweilige Kommunikations-Situation spezifizieren, welche wiederum die Basis weiterer Interaktionen bildet, usf. Es handelt sich demnach um einen Prozeß in welchem Interaktionen im Prinzip erst durch den unmittelbaren Kontext in dem sie stehen determiniert werden und ihre Bedeutung erhalten. Environments, die am klassischen IT-Modell orientierten sind, standardisieren ein Set von Kommunikationsaspekten und fixieren damit natürlich insbesondere die Kommunikations-Form, in weiterer Hinsicht den Kommunikationsverlauf und limitieren die Differenzierbarkeit und die Strukturierbarkeit von Kommunikation.

Was verändern diese überlegungen am klassischen IT-Modell? Wir sprechen von einer kommunikativen Interaktion wenn der Sender mit der (retournierten) 'Wirkung' seiner Nachricht konfrontiert ist, also in gewisser Weise gleichzeitig Sender und Empfänger ist. Entsprechend können wir das gängige Diagramm des IT-Modells dahingehend modifizieren, indem wir den sender-receiver Vektor zu einer (feedback-) Schleife verbiegen, sodaß sender und receiver in derselben logischen Position zusammenfallen. Diese logische Position ist die des Beobachters (observer).

Ich bezeichne also den Kommunikationsteilnehmer als Beobachter, zunächst um einen entscheidenden Aspekt, nämlich die subjektive Perspektive als Unterschied des Ansatzes zu Super-Beobachter-Modellen terminologisch zu verdeutlichen. Außerdem vermitteln die Begriffe Kommunikation und Kommunikations-Teilnehmer eben diese Super-Beobachter-Perspektive (man wird aber kaum ohne sie auskommen wenn man über Kommunikation sprechen will). Aber vor allem ergibt sich aus dem Ansatz ein Status für den Kommunikations-Teilnehmer der meinem Verständnis nach dem Beobachterbegriff entspricht, wie er etwa in Maturana & Varela 1980 , oder allgemein im Konstruktivismus entwickelt wird.

Das Zusammenfallen von Sender und Empfänger nimmt ihnen das personenhafte: die Position repräsentiert genaugenommen weniger die Person des Beobachters als vielmehr den Prozeß des Beobachtens. Die beiden Instanzen (die Endpunkte im sender /receiver Vektor) sind in diesem neuen Diagramm als Modi des Beobachtens (send, receive) repräsentiert. Die Gerichtetheit dieser Modi ist in den Pfeilrichtungen der von der Beobachterposition aus organisierten feedback-Schleife angedeutet. Die Schleife selbst ist ein Platzhalter für die Prozesse und Instanzen, die in der Interaktion mit dem Netz durchlaufen werden. Da der Beobachter keine direkten Aussagen über sie machen kann, hat die Schleife den Charakter einer black-box.

Der Prozeß oszilliert zwischen senden und empfangen und erinnert an die sensorisch-effektorische Wechselwirkung, über die ein Nervensystem mit dem Medium gekoppelt ist in dem der dazugehörige Organismus lebt. Entsprechend, um unseren Beobachter-Begriff von jenem senden/empfangen -, schreiben/lesen - Dualismus zu lösen, der vom Ausgangsmodell stammt, empfiehlt es sich, Operationen die ein Beobachter ausführt als zueinander in Wechselwirkung stehende Orientierungs-Interaktionen zu denken. Ich verkürze hier, denn im allgemeinen wird Kommunikation als eine dreistellige Einheit gesehen, etwa bei Austin unterscheidbar in lokutionäre, illokutionäre und perlokutionäre Akte; Luhmann spricht von Information, Mitteilung und Erfolgserwartung.

Der Prozeß basiert offensichtlich auf einem rekursives Moment, das entsteht indem der lineare Fluß der (Orientierungs-) Interaktionen sich durch die zirkulare Anordnung auch auf sich selbst bezieht. Dadurch entsteht Vergleichbarkeit und Unterscheidbarkeit, die Möglichkeit Relationen herzustellen und diese explizit zu machen. Die elementare Operation ist die der 'Distinktion' die offenbar im IT-Modell der 'Differenz-Relation', oder der Vorder-/Hintergrund-Relation in der Gestalttheorie entspricht. In der zyklischen Wiederholung verketten sich diese Relationen und erzeugen und differenzieren einen Kontext, indem eine Bedeutungseinheit auf eine andere, eine Aussage auf eine vorige aufbaut, sie also referenziert. (Dies entspricht der ersten von sechs Rekursionsstufen die Maturana, et al. 1995 für die Entwicklung von Sprachverhalten identifiziert.) Kommunikation ist - als ein kognitiver Vorgang - selbstreferentiell. Die Art und Weise wie Aussagen einander referenzieren spezifiziert den Möglichkeitsbereich (die constraints) und bestimmt die Richtung, Ebene oder Dimension der kontextuellen Differenzierung. Diese kontextuelle Differenzierung wird über die Modulation des Feedback-Prozesses gesteuert - und ist genau in diesem Sinne ein kommunikativer Vorgang.

Soziologisch geprägte Kommunikations-Modelle sind tendenziell Super-Beobachter-Modelle. Sie ziehen die Analyse über den (sozialen) Zweck einer Kommunikation auf und setzten (ähnlich wie das IT-Modell) eine Standardisierung voraus, anhand deren sich Bedeutung ergibt. Eine Nachricht wird demnach hinsichtlich codierter und nichtcodierter Ereignisse unterschieden: 'Codierte Ereignisse wirken im Kommunikationsprozeß als Information, nichtcodierte als Störung' [Luhmann 1984, 197]. Im skizzierten Beobachtermodell ist dieser Ebene eine andere vorgelagert, auf welcher Bedeutung zunächst wesentlich dynamischer anhand des lokalen Kontexts generiert wird; auch Rauschen ist dann eine 'Bedeutung'. Der Zweck von Kommunikation, ebenso wie deren Standardisierung sind hier nicht externe, sondern mehr oder minder lokal verankerte, kontextuelle Relationen.

Wir sprechen also nicht wie üblich von der Interaktion eines Kommunikations-Teilnehmers mit anderen, als vielmehr von einer Interaktion eines Beobachters (Kommunikations-Teilnehmers) mit dem von ihm erzeugten Kontext. Andere Teilnehmer, oder Aspekte der kommunikativen Infrastruktur sind in diesem Modell keine apriori -, oder default-Instanzen: sie sind kontextuelle Instanzen, d.h. sie entstehen, sofern der Beobachter sie entsprechend differenziert, aus dem Kommunikations-Kontext. Als solche können sie reifiziert, externalisiert und in der Infrastruktur repräsentiert werden. Eher als ein Objekt auf der Benutzeroberfläche bildet sich ein Kommunikationspartner jedoch als eine Spur oder Schicht im Kommunikations-Kontext ab.

Zu sagen, daß Kommunikation essentiell als Interaktion mit dem erzeugten Kontext zu verstehen ist, bedeutet praktisch, daß eine kommunikative Handlung in der Differenzierung eines der kontextuellen Objekte besteht, die frühere kommunikative Handlungen repräsentieren und welche in allen ihren Relationen den Kommunikations-Kontext bilden. Beispiele für eine solche Praxis können gelegentlich in mailinglist gefunden werden, obwohl die logische Infrastruktur von mail-readers dies nur bedingt unterstützt.

Ein weiteres Problem hat mit der Linearität von Kommunikation zu tun, die sie von der linearen Struktur von Information erbt, aber zum Teil wohl auch dem 'Pipeline-Konzept' der Informationsübertragung zu verdanken hat. Sie besteht darin, daß sich Kommunikation tendenziell sequentiell strukturiert und flach ausbreitet, d.h. vorzugsweise auf einer kontextuellen Ebene operiert. Hypertext kann als ein gegen diese Linearität gerichtetes Prinzip gelten, indem die Verweisstruktur, mittels welcher lineare Texte arbeiten, als unmittelbare Verzweigungsoptionen bereitgestellt werden. Es wird damit zwar nicht die Linearität des Lesens aber die des Texts (zumindest stellenweise) gebrochen. Allerdings ist Hypertext, z.B. im Web, nur in seiner allgemeinsten Form zu finden, wie bereits gesagt dokument-orientiert und arbeitet (daher?) hauptsächlich mit einem Linktyp der ein Titel /Inhalts-Verhältnis ausdrückt, und mit einem anderen, der in etwa bedeutet: 'hat-zu-tun-mit'. In 'kommunikativeren' Anwendungsbereichen wie email und conferencing wird Hypertext selten eingesetzt; ich nehme an, da Hypertext allgemein als browsing-tool für entsprechend aufbereitetes Material gesehen wird, nicht als generatives Verfahren.

Wer jemals im Archiv z.B. einer der frequentierten, philosophischen mailinglist gestöbert hat weiß, daß es praktisch unmöglich ist, einen großen überblick zu gewinnen, Diskurslinien zu verfolgen oder zu unterscheiden, und das, obwohl die einzelnen Beiträge Textstellen aus anderen zitieren auf die sie sich beziehen, obwohl sie hinsichtlich einiger Attribute spezifiziert und einander zugeordnet oder gefiltert werden können, etc. Diese Attribute (name, date, subject, ...) einer email sind zueinander 'orthogonale' Beziehungen, d.h. sie beschreiben ein kontextuelles Objekt auf verschiedenen Ebenen. Allerdings erlaubt es die email-Standardform nicht, gerade die wesentlichen, nämlich die inhaltlichen Relationen soweit explizit zu machen, daß sie der Kommunikation oder Kollaboration auf einer strukturellen Ebene zur Verfügung stehen. Das ist teilweise natürlich auch Sache der Kommunikationspraxis; beispielsweise wird die subject-line zumeist im Sinne eines Titels verwendet, denn als Beschreibung der Beziehung in der ein Beitrag zu einem anderen oder gar zum Generalthema steht.

Es wurde oben bereits darauf hingewiesen, daß es zentral für vernetzte Kommunikation ist, die verschiedensten Aspekte und Beziehungen, die die jeweilige Kommunikations-Situation ausmachen, nicht nur zu berücksichtigen und in einzelne Interaktion einzuarbeiten, sondern diese explizit zu machen. Praktisch heißt das, die standardisierte Form, die etwa für email, aber auch in Datenbanken als eine Liste von AttributName/AttributWert-Paaren (ein sogenannter 'frame' Minsky 1985 Verwendung findet, benutzer-definierbar zu machen. Dies ermöglicht es kontextuelle Objekte hinsichtlich sowohl ihrer internen wie externen kontextuellen Relationen zu strukturieren, indem es diese hinsichtlich der jeweiligen Kommunikations-Situation explizit macht. Eine solche Strukturierung erlaubt, bzw. bewirkt eine mehrschichtige Verknüpfung von kontextuellen Objekten, die ich an anderer Stelle [Simon 1996] 'Stratifizierung von Kontext' (context stratification) genannt habe. Sie kann als eine Erweiterung des Hypertext-Ansatzes insofern gelten, als die Verknüpfung eines Objekts mit anderen auf verschiedenen, auch zueinander orthogonalen, Ebenen erfolgt.

Ich fasse die überlegungen zusammen und gehe kurz auf deren Brauchbarkeit für kommunikative Infrastrukturen ein: Der Ansatz könnte 'Spezielles Kommunikations Modell' heißen, da es im Unterschied zu allgemeinen Kommunikations Modellen, die eine objektive Sicht aller relevanten Aspekte wiederzugeben trachtet, Kommunikationsprozesse aus der Teilnehmerperspektive beschreibt. Betrachtungseinheit ist nicht die message als solche, oder deren übertragung, sondern ein Feedback-Zyklus, der es erlaubt die Beziehungen zwischen einzelnen Interaktionen herzustellen um damit die jeweilige Kommunikations-Situation zu spezifizieren. Auf der Basis dieses rekursiven Prozesses wird der Kommunikations-Kontext generiert und differenziert. Das hat unter anderem den Vorteil, daß neben dem Kommunikations-Gegenstand als solchem auch alle anderen üblicherweise externalisierten Kommunikations-Aspekte als dynamische, kontextuelle Strukturen repräsentiert (kontextualisiert) werden. Die frame-basierte Formalisierung kontextueller Einheiten ermöglicht deren (rhizomatische) Vernetzbarkeit auf verschiedenen kontextuellen Ebenen (context stratification) und ist damit als erweiterte Hypertext-Technologie anzusehen. Es sollte klar geworden sein, daß das Modell ein konkretes, netzbasiertes Kommunikations- Environment konzipiert, das sich dynamisch an spezifische Kommunikations-Situationen anpassen läßt, das die Strukturierung des Kommunikations-Kontexts in der formalen Struktur der einzelnen Interaktion anlegt und sich daher insbesondere für vernetzte Kollaboration eignet. (Julean A. Simon)