Altersarmut in Deutschland: Tausende Rentner sind noch mit 85 im Job

Insgesamt sind es über eine Million Senioren, die noch in Lohnarbeit sind. Linke kritisieren: Niedrige Renten treiben Alte zurück in die Arbeitswelt. Wirtschaft fordert höheres Renteneintrittsalter.

In Deutschland ist eine Debatte über die "Rente mit 63" entbrannt und von verschiedenen Seiten wird eine Abkehr von ihr gefordert. Doch viel zu wenig wird darüber gesprochen, dass immer mehr Rentner einer Beschäftigung nachgehen müssen.

In diesem Jahr waren mehr als eine Million Beschäftigte in der Bundesrepublik 67 Jahre alt oder älter. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervor. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) hatte sie am Mittwoch publik gemacht.

Aus der Antwort der Bundesregierung geht weiter hervor, dass derzeit über 400.000 Beschäftigte bereit über 70 Jahre alt sind, knapp 138.000 sind sogar über 75 Jahre alt.

Die Gesamtzahl der Rentner, die noch einer Lohnarbeit nachgehen, stieg demnach im Vergleich zum Vorjahr um 15.000 an. Deutlicher wird der Zuwachs im Vergleich mit dem Jahr 2015: Er betrug rund 200.000 Beschäftigte.

Von den mehr als eine Million arbeitenden Rentnern sind über 230.000 sozialversicherungspflichtig angestellt und rund 835.000 sind ausschließlich auf geringfügiger Basis beschäftigt. Sie arbeiten demnach in Büros, als Fahrzeugführer im Straßenverkehr, in der Reinigung, der Lagerwirtschaft oder der Gebäudetechnik.

Bei den 13.000 Beschäftigten, die 85 Jahre und älter sind, sind noch 446, die als Fahrzeugführer im Straßenverkehr tätig sind, heißt es im Bericht des RND.

Bei vielen sei die Rückkehr in die Lohnarbeit keine freiwillige Entscheidung, erklärte Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag, gegenüber dem RND. Es sei vielmehr notwendig, "weil am Ende der Rente noch viel Monat übrig ist". Mit anderen Worten: Altersarmut und karge Renten sind Gründe dafür, dass viele Rentner in die Arbeitswelt zurückkehren.

Eine Rentenreform ist nach Ansicht von Bartsch unerlässlich. "Wir brauchen eine Rentenkasse, in die alle Bürger mit Erwerbseinkommen einzahlen – auch Abgeordnete, Beamte, Selbständige und ARD-Bosse", sagte er.

Über die Rente hatte jüngst Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) eine Debatte angestoßen. Seitdem trommeln verschiedene Medien und Unternehmensverbände dafür, dass die Menschen in Deutschland länger arbeiten oder empfindliche Abschläge auf die Rente hinnehmen müssen.

Rainer Dulger, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), bekräftigte diese Haltung nun erneut. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) beklagte er am Mittwoch, dass viele zeitig in den Ruhestand gehen und es deshalb zu einem Mangel an Fachkräften gekommen sei.

Die "Rente mit 63" habe zu einem "Braindrain" geführt und viele hoch qualifizierte Arbeitskräfte stünden nicht mehr zur Verfügung. "Das hat einfach wehgetan", meinte er und fügte hinzu: "Das hat die Unternehmen geschwächt".

Diese Aussagen dürften allerdings auch nur dazu dienen, die Forderung nach einer längeren Lebensarbeitsdauer zu untermauern. Denn die "Rente mit 63" ermöglicht es keineswegs Anwälten, Ingenieuren oder Betriebswirten, vorzeitig ohne Abschläge in Rente zu gehen.

Die "Rente mit 63" setzt voraus, dass man 45 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt hat, um abschlagsfrei in Rente gehen zu können. Wer bis Mitte oder Ende Zwanzig studiert hat, kommt nicht in ihren Genuss.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) betonte jüngst:

Wir reden dabei ja über Pflegekräfte oder Handwerker, die seit ihrem 16. Lebensjahr hart arbeiten. Und viele vergessen, dass auch für diese Menschen das gesetzliche Renteneintrittsalter sukzessive ansteigt. Wenn der Geburtsjahrgang 1964 erreicht ist, gibt es die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren Arbeit erst mit 65.

Hubertus Heil

Heil verwies in einem Interview mit der Rheinischen Post auch darauf, dass viele Menschen das Rentenalter aus gesundheitlichen Gründen nicht erreichen und deshalb vorzeitig aussteigen.

"Psychische Erkrankungen wie Burn-out nehmen in unserer Gesellschaft zu, das ist keine Modeerscheinung", sagte er. Das habe auch mit der Arbeitszeitverdichtung und permanenter Erreichbarkeit zu tun. Außerdem würden viele Unternehmen niemanden in einem Alter von über 60 Jahren einstellen.

Dulger forderte nun dennoch, dass das reguläre Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung gekoppelt wird. Dann hätte man einen Automatismus – und niemand müsse mehr unpopuläre politische Entscheidungen treffen. (Bernd Müller)

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