Alles nur wegen Sex

Polen wird von einem Sexskandal erschüttert, der die Regierungskoalition erneut zum Scheitern bringen könnte

Seit Anfang Dezember wird Polen von einem Sexskandal heimgesucht, der bis dahin nur die Glaubwürdigkeit der kleinen Koalitionspartei Samoobrona gefährdet hat. Seit Mittwoch aber hat dieser Skandal, der von den polnischen Medien nur als „Sex gegen Job“ bezeichnet wird, andere Dimensionen angenommen, der die politische Szene Polens tief erschüttern und das Scheitern der bisherigen Koalition herbeiführen könnte.

Nach dem turbulenten Jahr dürfte es Jaroslaw Kaczynski nach besinnlichen und ruhigen Weihnachtstagen sicher dürsten. Erst seit Sommer ist der Zwillingsbruder des polnischen Präsidenten Premierminister (Zwei Ämter, ein Gesicht), doch in den letzten sechs Monaten musste er schon einige Krisen bewältigen.

Gleich zu Beginn seiner Amtszeit gab es die unsägliche Affäre um die in der taz erschienene Satire über Lech Kaczynski, die aufgrund ihrer Absurdität weltweit für Schlagzeilen sorgte (Warum Polen die TAZ braucht). Im September brach seine Regierungskoalition aus PiS (Recht und Gerechtigkeit), LPR (Liga Polnischer Familien) und der populistischen Bauernpartei Samoobrona (Selbstverteidigung) auseinander (Per Entengang in die Zukunft Polens), die Polen in eine tiefe politische Krise stürzte, um nach einigen Wochen wieder zueinander zu finden. Und Ende November musste Kaczynski seinen bis dahin letzten Tiefschlag einstecken – bei den Kommunalwahlen wurde die PiS hinter der bürgerlich-konservativen PO nur die zweitstärkste Partei. Selbst in Warschau, wo der ehemalige Premierminister Kazimierz Marcinkiewicz als aussichtreicher Kandidat für das Amt des Stadtpräsidenten antrat, gab es eine herbe Niederlage, die allein auf das Parteibuch von Marcinkiewicz zurückzuführen ist, denn der Ex-Premier ist bis heute der beliebteste Politiker Polens.

Bei diesen Rückschlägen ist es verständlich, dass sich Jaroslaw Kaczynski nach besinnlichen Weihnachtstagen sehnen dürfte. Und da der Premier und Parteichef der PiS auch noch ein frommer Mensch ist, dem auch die Nähe zum erzkonservativen und umstrittenen Radio Maryja wichtig ist, hatte er sich sicherlich gefreut, als Abgeordnete seiner Partei sowie des Koalitionspartners LPR und der Oppositionspartei PSL passend zur Weihnachtszeit den Vorschlag machten, Jesus als den "König von Polen" in der Verfassung festzuschreiben. „Die Politiker sollten lieber beten“, kommentierte der Warschauer Erzbischof den Vorschlag und lehnte ihn gemeinsam mit seinen Kollegen ab. Für was die Politiker beten sollten, ist in den heutigen Tagen sicherlich jedem Polen bewusst, nämlich um die Vergebung der eigenen Sünden.

Seit Anfang Dezember wird Polen von einem Skandal erschüttert, den das Land östlich der Oder so noch nicht erlebte und der den Rahmen von allen bisherigen Skandalen sprengt, obwohl die Polen seit der Wende schon einige erlebt haben. Aber bisher ging es immer nur um Bestechung, Korruption und Geld, aber noch nie um Sex. Eine neue Qualität von Skandal für das katholische Land östlich der Oder und Heimat des verstorbenen Papstes Johannes Paul II, den alle Polen mit Neugier verfolgen. Während die letzten Skandale an den Polen aus Gewohnheit und Politikverdrossenheit abprallten, stürzen sich die Menschen diesmal auf dieses Thema und werden dabei kräftig von den Medien mit neuen Informationen gefüttert, egal ob vom Boulevard oder seriösen Journalismus.

Alkohol, Gruppensex und Pornovideos

Eigentlich begann es ziemlich harmlos. Anfang Dezember trat die 33-jährige Aneta Krawczyk an die Öffentlichkeit und behauptete, nur deshalb Karriere in der Bauernpartei Samoobrona gemacht zu haben, weil sie mit den wichtigsten Vertretern der Partei schlief. In einer Sendung des Privatsenders TVN berichtete sie, wie ihr vor sieben Jahren Stanislaw Lyzwinski, einer der wichtigsten Vertreter der populistischen Partei, der damals arbeitslosen Frau den Vorschlag unterbreitete, eine Affäre mit ihm zu beginnen und als Gegenleistung dann eine Karriere und ein sicheres Einkommen von der Bauernpartei garantiert zu bekommen. Später lernte sie auf Drängen von Lyzwinski auch den Parteichef Andrzej Lepper kennen, der ihr ebenfalls den gleichen Vorschlag unterbreite und auf den sie auch einging.

Um ihre Behauptungen zu unterstreichen, schilderte Krawczyk ihre intimen Kenntnisse, die normalerweise nur die Männer selber vor dem Spiegel und deren Ehefrauen zu sehen bekommen. Um den ganzen die Krönung aufzusetzen, bezeichnete Aneta Krawczyk auch noch Lyzwinki als den Vater ihres Kindes.

Die polnische Zeitung Gazeta Wyborcza stürzte sich sofort auf dieses Thema und machte dies einen Tag nach der Fernsehsendung zu ihrer Schlagzeile: „Sex gegen Job“. Darauf kam ein Stein ins Rollen, der bis heute noch nicht zu Ruhe kam. Plötzlich hatten auch andere Frauen den Mut, an die Öffentlichkeit zu treten und über ähnliche Erfahrungen mit Samoobrona-Politikern zu berichten. Von wilden Orgien in den Abgeordnetenbüros, mit Unmengen von Alkohol, Gruppensex und Pornovideos, wurde erzählt und geschrieben. Es kam heraus, dass der Büroleiter eines Samoobrona-Abgeordneten nur dann eine Stelle an Frauen vergab, wenn diese pornographische Bilder von sich machen ließen und weitere pikante Details, die die Scheinheiligkeit der Samoobrona-Politiker demonstrierten und den Voyeurismus einer ganzen Nation bedienten.

Die Beschuldigten konnten sich nicht anders helfen, als von einer Rufmordkampagne zu sprechen, hinter der vor allem die liberale Gazeta Wyborcza stecke, sowie das ganze Thema in die Lächerlichkeit zu ziehen. Die Ehefrau von Lyzwinski trat an die Öffentlichkeit und bezeichnete ihren Ehemann halt als „einen ganzen Kerl.“ Und Andrzej Lepper, der sich schon immer gerne in männlichen und kämpferischen Posen ablichten ließ, verteidigte sich in einem Interview für den Radiosender TOK FM mit den Worten: „Ich bin kein Heiliger“.

Trotzdem dürfte dieser Skandal für den Bauernführer ungeahnte Folgen haben, die auch seine politische Karriere beenden könnten. Nach dem zwischenzeitlichen Bruch der Regierungskoalition im September, stellte sich Lepper selber als Moralapostel dar und beschuldigte Kaczynski und seine PiS, Parlamentsabgeordnete durch Geld und Ämter zum Fraktionsübertritt zu bewegen. Als Beweis diente ihm ein heimlich aufgenommenes Video, auf dem der Bauernpolitikerin Renata Beger ein solches Angebot gemacht wurde (Polski Big Brother).

Mit diesem Husarenstück hatte Lepper Erfolg und seine Partei stieg in Umfragen zu drittstärksten Partei auf. Als er jedoch wieder in die Koalition einstieg, verlor die Samoobrona, deren Gründer und Gesicht Lepper ist, an Ansehen und Glaubwürdigkeit. Bei den Kommunalwahlen schaffte sie nicht mal die 5-Prozent-Hürde, obwohl sie gemeinsam mit der LPR auf der Wahlliste antrat. Und nun folgt der Sexskandal, der seit Mittwoch auch andere Dimensionen angenommen hat.

Politik und organisiertes Verbrechen?

Die Lodzer Staatsanwaltschaft nahm sich der Ermittlungen an und deckte bei ihrer Untersuchung eine Vernetzung aus organisierter Kriminalität und Politik auf. Die am Mittwoch erschienene Wochenzeitung Rzeczpospolita beruft sich in einem Artikel auf eine Aussage des Zeugen Piotr P. Dieser behauptet, für eine landesweit operierende "Organisation", die nicht genauer benannt wird, gearbeitet zu haben. Die Aufgabe von Piotr P. war es, Politikern und Geschäftsleuten Prostituierte auf die Zimmer zu bringen, um sie dann später bei der Kopulation heimlich zu filmen. Damit wollte die "Organisation" kein Geld rausschlagen, sondern Einfluss auf die Personen nehmen.

Auch Andrzej Lepper bekam von Piotr P. eine Prostituierte aufs Hotelzimmer geliefert. Dabei soll sich der Parteichef erst betrunken haben und dann später beim Spaß mit der Dame gefilmt worden sein. Als Beweis zitiert Piotr P. die Prostituierte: „Lepper war nur im Gesicht braungebrannt, der restliche Körper war weiß wie ein Müller bei der Arbeit.“ Samoobrona bestreitet nicht, dass Lepper nur im Gesicht braungebrannt war, da er jeden Tag Auftritte hatte und schon zwei Stunden reichen, um Sonne abzubekommen. „Und den restlichen weißen Körper hätte man auch im Schwimmbad sehen können“, ließ die Partei verlauten. Wogegen sich Lepper jedoch wehrt, ist der Vorwurf der Erpressbarkeit. „Ich bin nicht erpressbar“, ließ Lepper einen Tag nach dem Erscheinen des Artikels verlauten.

Ob ihm die Nation und seine Wähler dies noch glauben, dürfte jedoch fragwürdig sein. Falls wirklich solch ein Video auftaucht, dürfte Leppers Karriere beendet sein und damit auch die bisher regierende Koalition. Die Samoobrona wäre einfach nicht mehr tragbar. Gleichzeitig dürften in diesem Fall, vor allem aber nach der Aussage von Piotr. P, die gesamte politische Szene Polens in Verruf geraten, denn es dürften nicht nur Politiker der Samoobrona mit solchen Videos erpressbar geworden sein. Sex kennt einfach keine Parteigrenzen. Das ironische an dem ganzen Skandal ist nur, dass Kaczynski auch deshalb vor einem Jahr die Wahlen gewonnen hat, weil er der Korruption und Bestechung öffentlich den Kampf angesagt hat. Jetzt könnten er und sein Traum von der IV. Republik ausgerechnet an einem Sexskandal scheitern.

Bei diesen möglichen Aussichten, erscheint die Nachricht von Radio RMF, dass Stanislaw Lyzwinski, der Mann, der alles ins Rollen gebracht hat, wegen Vergewaltigung angeklagt wird, wie eine kleine Randnotiz. (Thomas Dudek)