AdBlue-Mangel: Gaskrise erreicht Supermarktregale und ÖPNV

Transportverband organisiert Notversorgung mit dem Zusatzstoff für Dieselmotoren. Auch ÖPNV von Mangel betroffen. Bundesregierung lässt AdBlue-Hersteller hängen.

Die Bundesregierung will 200 Milliarden Euro ausgeben, um die Gaspreise in Deutschland zu deckeln. Von der Industrie wurde diese Entscheidung begrüßt – doch inzwischen kippt die Stimmung wieder. Der Grund dafür ist, dass die Bundesregierung immer noch kein Konzept dafür hat, wie sie den Gaspreis zu deckeln gedenkt.

Damit wächst die Gefahr, dass Teile der Wirtschaft in Kürze massive Versorgungsengpässe haben werden. Denn der Transportbranche geht langsam AdBlue, der Zusatzstoff für Dieselfahrzeuge, aus. Er ist ein Nebenprodukt aus der Herstellung von Kunstdünger, für die Erdgas benötigt wird. Ohne AdBlue bleiben viele Lastwagen und Dieselfahrzeuge stehen.

Das Handelsblatt wies am Donnerstag noch einmal darauf hin: Ohne AdBlue bleiben auch die Regale in den Supermärkten leer, weil sie nicht mehr beliefert werden können.

Noch ist das Problem nicht gravierend, doch die Liefersituation ist angespannt. Der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) ist bereits dabei, für seine Mitgliedsunternehmen eine Notversorgung zu organisieren. Bei akuten Versorgungsengpässen stellt der Verband ein begrenztes Kontingent des Additivs zur Verfügung.

In Deutschland gibt es nur drei Hersteller von AdBlue: BASF, Yara und der in Wittenberg ansässige Stickstoffhersteller SKW Stickstoffwerke Piesteritz. Mit letzterem hat der BGL eine Exklusivvereinbarung getroffen, um die Notversorgung zu gewährleisten. In welchem Umfang für den Notfall vorgesorgt wird, wollte ein SKW-Sprecher gegenüber dem MDR nicht beziffern.

Bundesregierung lässt SKW Piesteritz hängen

Über SKW schwebt allerdings immer noch das Damoklesschwert der hohen Gaspreise. Zuletzt hatte das Unternehmen die Produktion heruntergefahren. Das Unternehmen sah sich wegen der hohen Gaspreise und der geplanten Gasumlage dazu gezwungen.

Die monatlichen Verluste beliefen sich nach Angaben des Handelsblatts schon bei 100 Millionen Euro. Und die Gasumlage hätte das Unternehmen nach eigenem Bekunden noch einmal mit 30 Millionen Euro belastet.

Inzwischen wurde die Produktion teilweise wieder aufgenommen: Aber nur eine von zwei Ammoniak-Anlagen arbeiten, erklärte das Unternehmen dem MDR. Wie lange das Unternehmen sich das leisten kann, ist allerdings noch unklar.

Seit August wartet das Unternehmen auf Hilfszusagen aus Berlin. Es soll Gespräche im Bundeskanzleramt und dem Bundeswirtschaftsministerium gegeben haben – doch Zusagen gab es bislang keine.

Das Wirtschaftsministerium hatte dem Handelsblatt-Bericht zufolge den Wunsch geäußert, dass nur eine Anlage wieder in Betrieb genommen wird – um Energie zu sparen und damit die Gasspeicher möglichst lange gefüllt bleiben. Immerhin verbraucht SKW nach eigenem Bekunden allein 20 Prozent des Erdgases in Ostdeutschland.

Im Gegenzug zu den Einsparungen sollte das Unternehmen Hilfen erhalten. Da sie immer noch auf sich warten lassen, ist die AdBlue-Produktion in Gefahr.

"Wie lange wir produzieren können, ist noch ungewiss und hängt von der konkreten Lösung der Politik und den geeigneten Rahmenbedingungen ab", sagte SKW-Geschäftsführer Carsten Franzke dem Handelsblatt.

Busverkehr könnte zum Erliegen kommen

Ohne AdBlue bleiben nicht nur Lastwagen stehen, sondern auch Busse. In manchen Regionen Deutschlands könnte dadurch auch der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) zum Erliegen kommen.

In Deutschland gibt es laut Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen (BDO) rund 80.000 Busse. "Ohne die Dieselbeimischung müssten vier von fünf stillgelegt werden", sagte BDO-Sprecher Till Dreier der Sächsischen Zeitung. Hinzu kämen Personalmangel und steigende Energiekosten, welche die Branche zusätzlich belasteten.

Wie es in der Zeitung heißt, sind ein Großteil der Busse im Landkreis Görlitz auf AdBlue angewiesen. Bei akutem Mangel würden sie stehen bleiben. Doch auch schon jetzt ist der Mangel ein Problem für die Verkehrsbetriebe. So muss etwa die Kraftverkehrsgesellschaft (KVG) Dreiländereck in Zittau rund 55.000 Euro Mehrkosten stemmen, weil die AdBlue-Preise auf das Achtfache gestiegen sind.

Höhere Ticketpreise oder höhere kommunale Zuschüsse werden sich wohl nicht vermeiden lassen. Zur Zufriedenheit mit dem ÖPNV dürfte das aber nicht beitragen. (Bernd Müller)

Empfohlener redaktioneller Inhalt

Mit Ihrer Zustimmmung wird hier eine externe Buchempfehlung (Amazon Affiliates) geladen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen (Amazon Affiliates) übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.