AKW Cattenom: Das Problem in Block 4

Kernkraftwerk Cattenom. Bild (2005): Stefan Kühn/CC BY-SA 3.0

Aufstieg und Niedergang der Kernenergie in Frankreich: Die Misere geht weiter. Nötige Reparaturarbeiten werden aufgeschoben.

Kurz vor Weihnachten hat die renommierte französische Tageszeitung Le Monde in einem lesenswerten Grundlagen-Bericht die Misere in Frankreich auf den Punkt gebracht.

"Aufstieg und Niedergang der Kernenergie" lautet der Titel des Artikels. Dort heißt es, dass es einst die Technologie aus den USA gewesen sei, die zusammen mit dem Pragmatismus des Kraftwerkbetreibers EDF und dem Willen der Regierungen "den Erfolg der französischen Kernkraft" ausgemacht hätten.

Doch die Bedingungen seien nun nicht mehr gegeben, stellt Le Monde ernüchtert angesichts der Tatsache fest, dass zwar der Winter offiziell begonnen hat, aber immer noch 16 Reaktoren "wegen Problemen abgeschaltet" sind. Acht davon seien erst in den 1990er Jahren gebaut worden.

Das war der Stand vom 20. Dezember. Zwischendrin hatte sich Lage in der Stromversorgung im Nachbarland sogar verschlechtert. Denn an der deutschen Grenze musste im großen Atomkraftwerk Cattenom Block 4 kurzfristig wieder heruntergefahren werden.

Der Kraftwerkbetreiber EDF, der wegen seiner riesigen Finanzlöcher und Milliardenaufgaben im dreistelligen Milliardenbereich wieder vollständig verstaatlicht werden muss, gab dazu Erklärungen ab, die Fragen aufwerfen.

Als Grund für die Abschaltung nannte die EDF auf Anfrage des Saarländischen Rundfunks (SR) "die aktuell milden Temperaturen". Die derzeitige Witterung führe zu einem geringeren Stromverbrauch, wie der SR den Betreiber von Cattenom zitiert.

Dann erst kommt das eigentliche Problem zur Sprache.

Wie auch auf den Webseiten des Kraftwerkbetreibers zu lesen, wurde Block 4 Cattenom in der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember für "Wartungsarbeiten" abgeschaltet.

"Wartungsarbeiten" kann man auch als Euphemismus für Reparaturen lesen, die konkret am "Rohrleitungssystems eines Zusatzkreislaufs des Primärkreislaufs" nötig sind.

Übersetzt man die aufgehübschte und mit vernebelnden Begriffen gespickte Sprache, kommt man zu dem Ergebnis, dass Block 4 des Atomkraftwerks zwar nun wieder in Betrieb genommen, aber mit einem Problem: Man tat dies, obwohl bekannt war, dass die Reparaturarbeiten an diesem Riss-Reaktor noch nicht abgeschlossen sind.

Eigentlich wird der Block seit Wochen auf die Spannungsrisskorrosion überprüft, die in anderen Anlagen auch festgestellt wurde.

Block 4 wurde, weil gerade wegen milder Temperaturen weniger Strom gebraucht wurde, also zwischenzeitlich über Weihnachten wieder heruntergefahren, um die Reparaturen fortzuführen. "An den Blöcken 1 und 3 wurden die Arbeiten im Zusammenhang mit dem Phänomen der Spannungsrisskorrosion fortgesetzt", schreibt die EDF.

Damit räumt die EDF ein, dass neben Block 1 und 3 auch Block 4 von der Rissbildung betroffen ist. Es sind Reparaturen am primären Kühlkreislauf nötig. Das ist eins der zentralen Sicherheitssysteme. Es ist aus Fukushima bekannt, was passiert, wenn die Kühlung der Atomreaktoren ausfällt. Die von Rissen durchzogenen Rohre können abreißen.

Es wird über das Verhalten der EDF deutlich, dass die Sicherheit in den französischen Atomkraftwerken hinten angestellt wird, um der Vorgabe der Regierung gerecht zu werden. Die hatte die EDF angewiesen, angesichts der riesigen Stromlücke alle Meiler bis oder im Winter wieder in Betrieb zu nehmen.

Allerdings musste der ambitionierte Zeitplan auch schon vom Atomkonzern EDF zurückgeschraubt und das geplante Wiederhochfahren für diverse Meiler um Monate verschoben werden, wie Telepolis bereits mehrfach berichtet hat. (Ralf Streck)