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Mit einem experimentellen Augen-Make-Up versuchte Clinton offenbar weniger selbstgerecht auszusehen. Der Gesichtsausdruck wirkte allerdings etwas einbetoniert. Bild: Fox News

Bei der ersten Fernsehdebatte zur US-Wahl konzentrieren sich die Kandidaten auf die Schwachpunkte ihrer Gegner

Donald Trump und Hillary Clinton sind die mit Abstand unbeliebtesten Präsidentschaftskandidaten der beiden großen US-Parteien, seit deren Beliebtheit gemessen wird. Daran dürfte sich auch nach dem ersten Fernsehduell der beiden in der gestrigen Nacht nichts geändert haben. Theoretisch sollten die beiden Kandidaten hier Fragen dazu beantworten, wie sie aktuelle Probleme der USA lösen wollen. Praktisch nutzten sie den Auftritt vor allem dazu, in den Antworten möglichst schnell auf Schwächen des Gegners überzuleiten.

Bereits vor der Debatte hatte Trump, nachdem er erfuhr, dass der bekannten Clinton-Unterstützer Mark Cuban in der ersten Reihe sitzen soll, gescherzt, er werde Bill Clintons Ex-Geliebte Gennifer Flowers neben ihm platzieren. Damit erinnerte er die Öffentlichkeit nicht nur an die Ehebrüche des Ex-Präsidenten, sondern auch daran, dass dieser jahrelang über dieses Verhältnis die Unwahrheit gesagt hatte.

Clinton in der Freihandelsabkommenfalle

Im wirtschaftspolitischen Teil, mit dem die Debatte begann, konzentrierte sich Trump dann auf NAFTA - das seiner Ansicht nach "schlimmste" Freihandelsabkommen, das Bill Clinton unterschrieb und das dazu führte, das massenhaft Arbeitsplätze aus den USA nach Mexiko verlegt wurden. Und er rief in Erinnerung, dass Hillary Clinton lange für das Trans-Pazifik-Freihandelsabkommen TPP plädierte und erst dann ihre Meinung änderte, als der Wahlkampf Fahrt aufnahm. Clinton meinte dazu, sie habe lediglich gehofft, die Verhandlungen würden ein gutes Freihandelsabkommen ergeben, sei aber dann enttäuscht worden. Damit lief sie in eine Falle des Republikaners, der ihr die Frage entgegen hielt, ob denn der demokratische Präsident Barack Obama so schlecht verhandelt habe.

In Trumps Ausführungen zu Freihandelsabkommen wurde außerdem deutlich, in welchen Schlachtfeldstaaten er die Wahl gewinnen will: In den Rust-Belt-Bundesstaaten Michigan und Ohio, die er mehrmals namentlich erwähnte.

Trumps Schwachstelle: Insolvenzen

Clinton versuchte Trump zu schaden, indem sie ihm vorwarf, er wolle reichen Amerikanern Steuergeschenke machen, die auch seiner eigenen Familie nützen. Trump hielt entgegen, er wolle die Steuern für Unternehmen senken, die dann Arbeitsplätze schaffen würden. Auf diese Weise werde er fünf Billionen Dollar Kapital ins Land zurückholen.

In ihren Ausführungen zur Steuerpolitik betonte die Demokratin Trumps Millionenerbe, indem sie ausführlich über ihre eigene bescheidene Herkunft und über ihren Vater erzählte, der in Häusern Gardinen anbrachte. Handwerker wie ihn, warf sie Trump vor, habe der Milliardär im Rahmen seiner geschäftlichen Unternehmungen häufig nicht bezahlt.

Trump meinte dazu, es gebe auch Handwerker, die deshalb nicht bezahlt würden, weil sie schlechte Arbeit leisten. Dann schien ihm einzufallen, dass das von Clinton angeführte persönliche Beispiel nicht unbedingt zu dieser Sorte gehören muss, und er rechtfertigte Zahlungsausfälle seiner Firmen mit den Gesetzen, die ihm die Möglichkeit dazu gaben, auf diese Weise Verluste zu vermeiden. Dabei habe er gar nicht anders handeln können als diese Gesetze zu nutzen, weil er nicht die Verantwortung für das Wohlergehen fremder, sondern seiner eigenen Unternehmen getragen habe.

Eine andere Schwachstelle Trumps, die Clinton ansprach, war die Steuererklärung, die der Quereinsteiger - anders als andere Präsidentschaftskandidaten - bislang noch nicht öffentlich machte. Trump erklärte das mit einer Steuerprüfung, die er nicht gewollt habe, wegen der ihm seine Rechtsanwälte aber geraten hätten, von solch einer Veröffentlichung bis zum Abschluss des laufenden Verfahrens abzusehen. Er werde aber gegen den Rat dieser Rechtsanwälte handeln, und die Daten öffentlich machen, wenn Clinton ihre mehr als 30.000 gelöschten E-Mails aus ihrer Zeit als Außenministerin herausgibt. Auf diesen Treffer Trumps hin meinte Clinton lediglich, sie habe mit den E-Mails einen Fehler gemacht

Stop-and-Frisk

Vom Moderator auf die Rassenfrage angesprochen, meinte Trump, Schwarze und Latinos seien die Hauptleidtragenden der Zustände in Städten wie Chicago, wo es seit dem 1. Januar 3.000 Schießereien und seit Obamas Amtsantritt fast 4.000 Morde gegeben habe. Er trete deshalb für etwas ein, was sich Hillary Clinton gar nicht in den Mund nehmen traue: für Recht und Ordnung.

In diesem Zusammenhang lobte der Milliardär den ehemaligen New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani, worauf hin der schwarze Moderator einwarf, dessen Stop-and-Frisk-Politik (bei der Polizisten ermächtigt wurden, Passanten die ihnen verdächtig erschienen, nach Waffen und Diebesgut zu durchsuchen) sei "Racial Profiling" gewesen und habe gegen die Verfassung verstoßen. Trump meinte dazu, das sei lediglich die Meinung einer einzelnen Richterin und nur mit Stop-and-Frisk könne man das Gang-Unwesen effektiv bekämpfen.

Clinton nutzte die Gelegenheit, an einen Prozess von 1973 zu erinnern, in dem Trump unter dem Vorwurf verklagt worden war, nicht an Schwarze zu vermieten. Diesen Prozess hat der Immobilientycoon jedoch nach eigenen Angaben gewonnen. Verklagt wurde er seinen Worten nach nur deshalb, weil das damals Mode war. Auf Vorwürfe, Barack Obamas Geburtsort lange in Zweifel gezogen zu haben, konterte Trump, das habe auch Clinton getan, als sie in den Vorwahlen 2008 mit dem jetzigen Präsidenten konkurrierte. Einer ihrer Helfer sei deshalb sogar nach Kenia gefahren.

Russland und der IS

Auch die anderen bekannten Vorwürfe brachten die Kandidaten unter, wenn auch manchmal etwas hastig: Clinton warf Trump dessen gutes Verhältnis zu Putin vor und behauptete, Russland spioniere Amerikaner aus, worauf hin Trump meinte, man wisse gar nicht, ob das Russland gewesen sei - aber man wisse sicher, dass Clintons Helfer bei den Vorwahlen Bernie Sanders unfair behandelten.

Der Republikaner wiederholte auch den bekannten Vorwurf, die ehemaligen Außenministerin und Barack Obama hätten im Nahen Osten eine Situation geschaffen, in der der IS entstehen konnte. Dem Vorwurf, auch er sei anfangs für den Irakkrieg gewesen, bestritt Trump vehement als Lüge der Mainstreammedien, die man einfach entkräften könne, wenn man den Moderator Sean Hannity fragen würde, der ihn damals interviewte.

Das Narrativ der feindlichen Mainstreammedien versuchen auch Clintons Helfer für sich zu nutzen, wie Jason Horowitz letzte Woche in der New York Times - einer Zeitung, die Clinton offiziell unterstützt - aufdeckte: Dazu erfindet der ehemalige Björk-Keyboarder Peter Daou mit der zum Brock-Netzwerk gehörigen Firma Shareblue Hashtags und dirigiert auf Twitter eine Astroturf-Armee, die sich beschwert, wenn negativ über die Kandidatin oder zu wenig negativ über den Kandidaten berichtet wird. (Peter Mühlbauer)

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