2030! 2030! 2030! Krieg! Krieg! Krieg!

Mehrere Panzer feuern Salven ab

Bild: LeStudio/ Shutterstock.com

Politiker warnen vor russischem Angriff 2030. Experten sehen massive Aufrüstung als Bedrohung. Doch solche Prognosen bergen eine zentrale Gefahr. Ein Telepolis-Leitartikel.

In den vergangenen Monaten haben sich die Warnungen hochrangiger Politiker und Sicherheitsexperten gemehrt, die für das Ende dieses Jahrzehnts – konkret für 2029 oder 2030 – einen russischen Angriff auf Nato-Gebiet vorhersagen.

Diese düsteren Prognosen stützen sich auf Analysen zur russischen Aufrüstung, strategische Einschätzungen westlicher Nachrichtendienste und die zunehmend aggressive Rhetorik des Kremls. Doch bergen solche Vorhersagen nicht auch die Gefahr, zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden und die Spannungen weiter anzuheizen?

Einer der prominentesten Warner ist der deutsche Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius. Er betont, dass Russland nach dem Ende des Ukraine-Krieges nur wenige Jahre benötigen werde, um seine militärischen Kapazitäten so weit wiederherzustellen, dass ab 2029 oder 2030 ein Angriff auf Nato-Staaten möglich sei.

Pistorius fordert daher, die Bundeswehr in eine "kriegstüchtige" Armee zu verwandeln und die Verteidigungsfähigkeit des Westens massiv zu stärken.

Auch Geheimdienstchefs wie Bruno Kahl vom deutschen Auslandsgeheimdienst BND untermauern diese Warnungen. Kahl sieht Putins Ziel in einer grundlegenden Neuordnung der Weltordnung zugunsten Russlands und prognostiziert, dass Moskau spätestens 2030 zu einem großangelegten Angriff fähig sein werde.

Er verweist auf die massive Aufrüstung der russischen Streitkräfte, die weit über das für den Ukraine-Krieg nötige Maß hinausgehe.

Doch es sind nicht nur deutsche Stimmen, die vor einem drohenden Krieg warnen, ihn geradezu prognostizieren. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron spricht von einer wachsenden Bedrohung und schließt eine militärische Eskalation in Europa in den kommenden Jahren nicht aus.

Finnlands Premier Petteri Orpo zeigt sich alarmiert von der russischen Aufrüstung im Grenzgebiet und sieht darin eine Reaktion auf den Nato-Beitritt seines Landes. Und der litauische Geheimdienst warnt, dass Russland schon bald zu begrenzten Militäraktionen gegen Nato-Staaten in der Lage sein könnte.

Doch es gibt auch skeptische Stimmen, die vor einer Überbewertung dieser Prognosen warnen. Sicherheitsexperten wie Carlo Masala bezweifeln, dass sich der Zeitpunkt eines russischen Angriffs so exakt vorhersagen lässt.

Sie halten begrenzte Provokationen für wahrscheinlicher als einen großflächigen Krieg und warnen davor, dass die ständige Beschwörung eines drohenden Konflikts auch politisch instrumentalisiert werden könnte, um die Bevölkerung auf steigende Rüstungsausgaben einzustimmen.

Letztlich zeigt die Debatte um einen möglichen Kriegsausbruch 2029 oder 2030 vorwiegend eines: Die Bedrohungswahrnehmung in Europa hat sich fundamental verändert.

Die Ära der Entspannung und Kooperation mit Russland ist vorerst vorbei, stattdessen dominieren Misstrauen, Aufrüstung und die Vorbereitung auf den Ernstfall.

Doch so berechtigt viele Warnungen angesichts der russischen Politik auch sind: Die ständige Beschwörung eines großen Krieges birgt auch Risiken. Sie kann zu einem fatalen Wettrüsten führen, Kompromisse erschweren und im schlimmsten Fall zu der Eskalation beitragen, die sie eigentlich verhindern will.

Deshalb ist bei allen Prognosen und Warnungen auch Vorsicht geboten – damit düstere Zukunftsszenarien nicht am Ende zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.