13 Türme für die Sonne

Das älteste Sonnenobservatorium Amerikas

Im Reich der Inka spielte der Sonnenkult eine zentrale Rolle. Aber schon lange vor dieser Hochkultur beobachteten die Bewohner Südamerikas unser zentrales Gestirn genau – und verehrten es wahrscheinlich in religiösen Zeremonien. An der Nordküste Perus entdeckten Wissenschaftler das älteste Sonnenobservatorium Amerikas.

Eine Kette von Türmen, die ungefähr 400 km nördlich von Lima auf dem Kamm eines Hügels stehen, erregte die Aufmerksamkeit der beiden Forscher Ivan Ghezzi von der Pontificia Universidad Catolica del Peru in Lima und Clive Ruggles von der britischen University of Leicester. Lange wurde dieser Teil des Ruinenfeldes von Chankillo für eine Befestigungsanlage gehalten. Untersuchungen der beiden Wissenschaftler, die sie im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlichten, ergaben allerdings ein anderes Bild: Dass die in Reihe stehenden Türme sehr wahrscheinlich der Beobachtung der Sonne über das ganze Jahr hinweg dienten.

Die 13 Türme von Chankillo, Foto: Ivan Ghezzi

Schon vor tausenden von Jahren verfolgten unsere Vorfahren den Lauf der Sonne systematisch. Das älteste Observatorium der Welt steht nahe dem heutigen Ort Goseck in Sachsen-Anhalt (vgl. Sonnenaufgang vor 7000 Jahren) und ganz in der Nähe wurde die Himmelsscheibe von Nebra gefunden, die wahrscheinlich ein astronomischer Kalender ist (vgl. Sonne, Mond und Sterne). Auch die legendären Steinkreise von Stonehenge stellen ein Observatorium dar.

Die Positionen der auf- und untergehenden Sonne wurden über das Jahr am Horizont beobachtet. Anhand von baulichen (Landschafts-)Markierungen konnten die Menschen erkennen, wann Sonnenwenden oder Tagundnachtgleiche anstanden. Für die indigenen Völker Amerikas spielten solche solare Horizontkalender eine große Rolle, ein herausragendes Beispiel dafür fanden die Anthropologen im Hopi-Dorf Walpi).

Auch in Mesoamerika finden sich viele Hinweise auf die große Bedeutung von solaren Schlüsseldaten in der Ausrichtung von Heiligtümern und der Anordnung von Gebäuden in Siedlungen. Eine besondere Rolle spielte der Sonnenkult im Inka-Reich . In Cuzco stand ein großer Sonnentempel und am Rand der Stadt Sonnenpfeiler, mit deren Hilfe der Kalender erstellt und Festtage bestimmt wurden. Von ihnen berichten Chronisten der spanischen Eroberung - allerdings ist heute von ihnen nichts mehr erhalten, nicht einmal ihre genauen Positionen sind bekannt.

Der befestigte steinerne Tempel in Chankillo, Foto: Peru's National Aerophotographic Service (SAN)

Aber die Architektur von Chankillo liefert jetzt vielleicht wichtige Hinweise darauf, wie sie angeordnet waren. Es handelt sich um ein großes Zeremonial-Zentrum, das sich über mehrere Quadratkilometer erstreckt und dessen Ruinen 2300 Jahre alt sind (bewegte Bilder von Chankillo: Ruinas de Chanquillo en la provincia de Ancash und Chanquillo Fortaleza).

Teil des alten Kultplatzes sind 13 Türme, die in Richtung von Nord nach Süd in einer Reihe, jeweils im Abstand von ungefähr fünf Metern, auf einem Bergkamm stehen. Sie sind mit Flächen von 75 bis 125 Quadratmetern und Höhen von zwei bis sechs Metern verschieden groß, und ihre Aussichtsplattformen sind über Treppen im Innern zu erklimmen. Aus der Distanz betrachtet bilden sie dennoch eine regelmäßige Abfolge von in den Himmel ragenden Zinnen. Viel ist in der Vergangenheit über die Funktion dieses seltsamen Gebäudekomplexes gerätselt worden, wobei eine Mehrheit davon ausging, es handle sich um die Reste einer Befestigungsanlage.

Ivan Ghezzi und Clive Ruggles haben sich den gesamten Ruinenkomplex von Chankillo nochmals genauer angesehen und sie entdeckten zwei Gebäude jeweils westlich und östlich der Turmreihe, die spezielle Blickwinkel auf den Horizont mit den gemauerten Landmarken bieten. Sie eröffneten eine Perspektive, die eine genaue Beobachtung des Sonnenweges über das Jahr jeweils zwischen den Türmen zulässt. Und Berechnungen über den Sonnenstand vor 2300 Jahren zeigten, dass die Türme tatsächlich die wichtigsten Eckdaten des Sonnenjahres spiegeln. Clive Ruggles erläutert:

Chankillo liefert eine komplette Zusammenstellung von Markierungspunkten am Horizont – die 13 Türme – und zwei einzigartige und unstrittige Aussichtpunkte. Die Tatsache, dass die Türme von diesen beiden Punkten aus genau die Bögen der aufgehenden und sinkenden Sonne abstecken, liefert das denkbar klarste Indiz dafür, dass sie tatsächlich speziell dafür gebaut wurden, um Sonnenaufgang und -untergang im Verlauf der Jahreszeiten beobachten zu können.

Vereinfachte Darstellung der Funktionsweise des Sonnenobservatoriums der 13 Türme, links am ersten Turm Sonnenposition zur Sonnenwende im Juni, in der Mitte zur Tagundnachtgleiche, rechts der Dezember-Sonnenwende, Blick vom westlichen Beobachtungspunkt, Bild: Ivan Ghezzi

Die Bestimmung unter anderem der Sonnenwenden war wichtig für Aussaat und Ernte in der Landwirtschaft, hatte aber wahrscheinlich darüber hinaus auch eine große kultische Bedeutung. Dass in den umgebenden Gebäuden auch Opfergaben ausgegraben wurden, ist ein Beleg für diese Annahme.

Die Eleganz und ausgereifte Anlage des Sonnenobservatoriums von Chankillo spricht nach Meinung der Forscher dafür, dass die astronomischen Erkenntnisse, die dem Bau zu Grunde liegen, noch um einiges älter sein müssen als 2300 Jahre. In jedem Fall bedeutet die Entdeckung dieses Horizontkalenders erneut eine Bestätigung der kulturellen Bedeutung der Prä-Inka-Kulturen in dieser Region. Chankillo sei sogar 500 Jahre älter als ähnlich angelegte Monumente der Maya in Zentralamerika, so Ivan Ghezzi:

Die archäologische Forschung in Peru sorgt für eine immer weitere Rückdatierung der Zivilisation in den Amerikas. In diesem Fall ist es die Tatsache, dass das 2.300 Jahre alte Sonnenobservatorium in Chankillo die älteste bekannte Struktur dieser Art darstellt und im Gegensatz zu allen anderen derartigen Stätten enthält sie Baulinien, die das gesamte Sonnenjahr abdecken.

(Andrea Naica-Loebell)