Die gestresste neue Generation des 21.Jahrhunderts..

..oder doch nur die Ängste der Älteren?

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In welche Welt wachsen unsere Kinder hinein? Die Frage, die meist schon eine eher sorgenvolle, pessimistische Antwort impliziert, gehört zu den Klassikern unter Kulturpessimisten, Pädagogen, Eltern und solchen, die es gar nicht erst werden wollen. Neu aufgeworfen wurde sie in der vergangenen Woche durch eine Art Brandbrief, unterschrieben von 110 Lehrern, Psychologen, reputierten Persönlichkeiten und namhaften Autoren in England, die auf einen blinden Fleck in der öffentlichen Wahrnehmung aufmerksam machen wollten: auf "eskalierende Häufigkeiten" von Depressionen in der Kindheit, auf zunehmend beobachtete Entwicklungs-und Verhaltensstörungen und kognitive Defizite von Kindern. Als Ursache geben sie die Auswirkungen einer immer schnelleren technologischen und kulturellen Veränderung an.

Eine öffentliche Debatte über die Bedingungen, wie Kinder im 21.Jahrhundert aufwachsen, sei jetzt nötig und entscheidend für die Politik der nächsten Jahrzehnte, so die Autoren. Die Zeitungen haben den Ball gerne aufgenommen und der Diskussion einen reißerischen Spin verpasst: "'Junk-Culture' vergiftet sie unsere Kinder?", fragte der Telegraph Mitte der Woche.

Das Stichwort für das Etikett "Junk-Culture" lieferten die Briefschreiber durch einen Passus des Textes, in dem sie elementare Grundbedürfnisse von heranwachsenden Menschen anmahnten, die, wie sie unterstellen, nicht mehr ausreichend erfüllt werden:

..echtes ("real") Essen (im Gegensatz zu industriell gefertigtem Junkfood),.. echte Spiele (im Gegensatz zur Unterhaltung vom Bildschirm, die sitzend konsumiert wird), unmittelbare, direkte Erfahrungen von der Welt, in der sie leben, und regelmäßige Interaktionen mit Erwachsenen, die in ihrem echten Leben eine Bedeutung haben.

In Umlauf gebracht wurde der offene Brief von Sue Palmer, eine frühere Lehrerin und Autorin des Buches "Toxic Childhood". Sie ist es auch, die Forschungen zitiert, deren Ergebnis jene verblüffen dürften, die gerne davon sprechen, wie "weit" heutzutage die Kinder schon im frühen Alter sind: Bei Tests von kognitiven Fähigkeiten 11-Jähriger im King's College in London zeigte sich, dass die Kinder "zwischen zwei und drei Jahren hinter ihren Altersgenossen vor 15 Jahren lagen".

Die Gesellschaft verwende nach Ansicht der Verfasser zwar viel Mühe darauf, Kinder vor physischen Verletzungen zu schützen, aber allem Anschein nach habe man deren emotionale und sozialen Bedürftigkeiten aus dem Blickfeld verloren. Mit dem Brief wolle man eine dringend fällige öffentliche Debatte darüber in Gang setzen, wie Kinder im 21. Jahrhundert großgezogen werden. Dieses Thema sollte für die öffentliche Politikgestaltung der nächsten Jahrzehnte doch von zentraler Bedeutung sein, so der Schlusssatz des Briefes.

Journalisten und Leser reagierten schnell, aber viele mochten sich den Anklagen der besorgten Anwälte für die Kinder nicht anschließen. Der öfter geäußerte Hinweis, demzufolge auch frühere Generationen mit wahrscheinlich ähnlichen Problemen konfrontiert waren, findet sich nicht nur bei den Älteren:

Junk Food, Marketing, elektronisches Entertainment... das ist der gute Stoff im Leben, nicht der schlechte! Die einzig Schlechte auf der Liste ist, soweit ich sehen kann, der überaus starke Wettbewerb in der Ausbildung. Es ist wahr, dass wir zuviele Examen und Tests haben, aber ist das nicht etwas, was Kinder schon immer gesagt haben?

Ich glaube, dass die Erwachsenen Angst vor der Welt haben, in der wir aufwachsen, weil sie nicht wissen, wie man damit umgehen soll, wir schon. Sie ist unser "Tool"; wir verstehen sie und das ist grundlegend für unser Leben. Unsere Eltern werden das nie ganz meistern können, und sie haben in der Folge Angst davor. Viele sind nicht mutig genug, um es zu versuchen: Sie mögen die Welt, wie sie ist; sie sind altmodisch, sie wollen es nicht riskieren, strak genug dafür zu sein dazuzulernen, wie man diesen Stoff ("stuff") nutzt..

Leserbrief einer 12Jährigen

Nicht die einzige Lesermeldung von Jüngeren, die dem Befund der Professoren, Psychologen und Pädagogen nicht widerspruchslos folgen will. Darüberhinaus lenken auch manche Journalisten ihren Blick auf ein Phänomen, das in dem oben zitierten Leserbrief anklingt: "Die Welt, die Pullmann, Wilson et al. verurteilen, ist eine Welt, wie sie immer war, mit Ängsten in der Kindheit...Die Fallstricke sind jetzt anders: Sie nehmen sich besonders für die über 50Jährigen furchtererregend aus, weil es im Kern (der neuen Generation, Anf.d.A.) ein neues Kommunikationssystem gibt, dass die meisten Älteren nicht mehr greifen können."

Dass sich in den Ängsten, die die Verfasser an den Kindern festmachen, auch ein gerütteltes Maß an eigenen Ängsten und Problemen verbirgt, vermutet auch eine Journalistin des Guardian: "Was falsch ist an der gegenwärtigen Kindheit ist Teil dessen, was falsch ist am Leben der gegenwärtigen Erwachsenen". Zwar mag wahr sein, dass man nur wenig Zeit für die Kinder habe, aber dieses Leiden betreffe auch das Leben der Erwachsenen selbst. Die Debatte sei nötig, müsse aber über die Kindheit hinaus geöffnet werden.

Oder sich auf bestimmte Felder konzentrieren. Dass sich nämlich Kinder, die in einigermaßen abgesicherten Milieus leben, ziemlich selbstbewußt über die neuen Tools und Bedingungen in der Welt äußern – zumindest weniger sorgenvoll, als es die Diagnose der Experten annehmen lässt, könnte den Blick auf den wirklich blinden Fleck verstellen: auf Lebensumstände von Kindern, die am unteren Ende der Gesellschaft aufwachsen, die wenig Mittel für den härteren Konkurrenzkampf haben und kaum Aussichten.